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Mein ist die Rache
Anna würgte und öffnete das Küchenfenster, das den Blick in den verwilderten Garten freigab. Vor ihr türmten sich Teller mit Essensresten, überzogen von einer grün-blauen Schimmelschicht und weißem Flaum. Staubflocken tanzten um leere Bier- und Schnapsflaschen und ungewaschene Wäsche. Alles atmete Vernachlässigung, genauso wie vor drei Tagen, als sie nach fünfzehn Jahren zum ersten Mal wieder einen Fuß in dieses Haus gesetzt hatte.
Wie hatte es nur so weit kommen können? Sicher wäre alles anderes gewesen, wenn Mutter nicht so früh gestorben wäre, grübelte Anna, während sie die schmale Treppe in den ersten Stock hinaufging. Noch ein letztes Mal wollte sie in ihr Zimmer, das am Ende des Ganges lag, hinter der grüngesprenkelten Tür.
Anna drückte die Klinke hinunter und hörte ein leises Klicken, als wenn zwei Metallstäbe leicht aneinander geschlagen wurden. Ihr Herz raste, der Atem wurde schneller. Sie fröstelte. Vor drei Tagen hatte sie es gar nicht bis hierher geschafft.
Sie schaute sich um. Alles war unverändert, so, als wenn sie erst gestern das Zimmer verlassen hätte. Das Eisenbett füllte fast den ganzen Raum. Daneben stand der Schrank und vom Schreibtisch sah man die Linde im Hof. Anna strich über den Bettüberwurf. Glatt und kalt glitt er durch ihre Hände. Eine Patchworkarbeit in Blautönen, ausgeblichen von der Sonne und schmutzig.
Sie hatte die Decke zu ihrem zwölften Geburtstag bekommen, erinnerte sie sich. Mutters letztes Geschenk. Wie lange hatte sie heimlich daran genäht? Kalter Schweiß bildete sich auf Annas Stirn. Unter dem Flickenteppich knarrten die Holzdielen. Aus dem Schaukelstuhl stierte die einäugige Puppe sie leblos an. Anna fiel auf das Bett, zog die Beine hoch und legte die Decke schützend über sich. Die Erinnerungen, die sich in das Zimmer eingegraben hatten, überwältigten sie.
Wie oft hatte sie schlaflos im Bett gelegen? Ihre Gedanken wanderten. Plötzlich war sie wieder das kleine Mädchen, das den Saum seiner Decke umklammerte. Mit angstweiten Augen hielt sie die Schattentiere und Monster, die das fahle Mondlicht auf die Tapete zeichnete, in Schach.
Die Blätter der Linde rauschten, als Hera, der Schäferhund auf der anderen Strassenseite anschlug. Anna hatte Angst, wenn sie am Zwinger vorbei schlich. Aber Hera war stark, und deshalb beneidete Anna sie. Auch Anna hatte ein Revier, so wie Hera, und wenn Anna ihr Revier verteidigte, verwandelte sie sich in einen Höllenhund. Das hatte sie von Hera gelernt. Zumindest versuchte sie es. Ihre Nackenhaare sträubten sich, sie knurrte und kläffte. Niemand wagte es dann, ihr zu nahe zu kommen.
Wenn ich wie Hera wäre, dann würde mir nichts passieren, träumte sie. Vielleicht war heute so ein Tag.
Anna hörte ihren Vater, der aus der Kneipe kam. Er schloss die Haustür ab, fluchte leise, als er sein Knie stieß und stolperte in die Toilette. Danach hörte sie die Klospülung.
Sie kniff die Augen zu und stellte sich vor, dass sie Hera war. Ihr wuchsen Hundekrallen, sie bleckte gelblich-spitze Zähne, als die dritte Treppenstufe von unten quietschte. Mit klopfendem Herzen kroch sie tiefer unter die Decke und drehte sich zur Wand.
Als die Schritte vor der Tür inne hielten, wurde das Rauschen der Linde lauter, schwappte ins Zimmer und in Annas Kopf und trug sie fort. Dann kam der metallische Laut, als Vater die Klinke hinunterdrückte. Die Holzdielen knarrten, und seine raue Hand streichelte ihr über das Haar. Eine Mischung aus Rauch, Alkohol und saurem Schweiß hüllte ihn ein.
“Schläfst du schon?“
Vater kommt, um mir Gute Nacht zu sagen, redete sie sich ein. Sie grunzte schlaftrunken und lag mit gekrümmten Rücken in der Fötusstellung unter Mutters Pastchworkdecke. Sie war hellwach, von Kopf bis Fuss wie elektrisiert.
Ob er es hörte? Konnte er ihre Gedanken lesen?
„Du zitterst ja am ganzen Körper“, sagte Vater und hob die Daunendecke. „Komm, ich wärme dich“, lallte er und legte sich neben sie. Anna und das Bett stöhnten.
Ob die Nachbarn das Ächzen auf der Strasse hören, überlegte sie.
„Komm, die Nacht ist noch so schön“, flüsterte Vater.
Warum hatte er getrunken? Danach ließ er sie nie in Frieden. Nicht, seitdem Mutter gestorben war.
„Du bist jetzt die Mutter im Haus.“
Vater rückte näher.
Wir liegen wie die Löffel in der Küchenschublade. Früher hat Mama so mit mir gelegen, wenn sie mir Geschichten erzählte. Das war ein gutes Gefühl gewesen. Anna zitterte, als sein warmer Atem ihren Nacken streichelte.
Morgen muss ich die Krümel aus dem Einsatzkasten mit dem Besteck auswischen, nahm Anna sich vor. Es ist wichtig, dass Ordnung im Haus ist.
Sie spürte seine Erregung und wusste, dass er den Hund gefangen hatte. Ihre Krallen verkümmerten, die spitzen Zähne fielen aus. Zahnlos war sie unterlegen. Sie konnte nicht beißen, und deshalb gab es kein Entrinnen. Anna löste sich auf, wurde schwarz wie die Nacht, die sie einhüllte. Er ergoss sich in eine leere Hülle.
Anna zitterte unter der Decke, fast wie damals, vor vielen Jahren. Tränennasse Augen erwiderten den starren Puppenblick. Es war vorbei, endgültig.
Sie hatte ihrer Lehrerin von der Vater- und Mutterrolle erzählt.
„Mein ist die Rache, spricht der Herr. Deshalb darfst du es niemandem sagen“, hatte die Lehrerin sie ermahnt, und ihre Wange getätschelt. Danach schaute sie Anna nie mehr in die Augen.
Vor drei Tagen hatte Anna sich zum ersten Mal wieder in dieses Haus gewagt. Sie wollte ihn wissen lassen, dass die Geister der Vergangenheit immer noch in ihrem Kopf spuckten. Er hatte sie aus gläsernen Alkoholikeraugen angestiert.
„Versteh mich doch“, flennte er, „ich habe getrauert. Jemand musste mein Bett wärmen.“
„Ich habe auch getrauert“, entgegnete Anna, „ich habe nicht nur meine Mutter verloren, sondern auch meinen Vater.“ Nach einer Weile fügte sie hinzu: „Und meine Kindheit.“ Nach diesen Worten verließ sie alle Kraft.
Erst da konnte er ihren Blick nicht länger ertragen. Angewidert war Anna zur Tür hinausgegangen. Draußen war es dunkel und eisig, kalt mit Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Aber noch kälter war es in ihr, als Vater auf unsicheren Beinen hinter ihr hertorkelte, über die offenen Schnürsenkel stolperte und im Schnee liegen blieb.
Sie schleppte sich weiter, ignorierte ihn und fuhr. Mit Alkohol im Blut würde er nicht lange überleben, überlegte sie. Wie oft habe ich ihm den Tod gewünscht. Konnte es wirklich so einfach sein?
„Mein ist die Rache, spricht der Herr.“
Nein, mein ist die Rache, hatte sie gedacht, als der Anruf kam. Vater war tot.



