Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Schatten an der Wand
„Macht, dass Ihr rauskommt. Dieser irre Lärm." Linda liegt auf dem Boden und
verfolgt mit weit aufgerissenen Augen riesige Schatten an der Wand. Die
fassen nach ihr, zerren an ihr herum. Sie versuchen, sich in ihrem Kopf
einzunisten. Direkt durch die Augen schauen sie in den Kopf, in das Gehirn.
Sie werden ihre geheimsten Gedanken lesen, beeinflussen, jede Vernunft
ausschalten.
„Wo ist Tina, mein kleines Mädchen"? Linda kreischt völlig hysterisch.
Sie kriecht auf allen Vieren in die Küche, wo noch eine Flasche unten in der
Spüle steht. Als sie den billigen Weinbrand in den Händen hält, beginnt sie zu
zittern.
Sie schraubt umständlich den Verschluss auf und versucht den Tremor zu
unterdrücken. Die Flasche rutscht ihr aus den Händen und zerschellt auf dem
gefliesten Küchenboden.
„Schade um den Rest", denkt Linda. Wütend kickt sie die Scherben durch die-
ganze Küche. Sie tastet sich, immer schön langsam und vorsichtig, zum
Küchenschrank. Da ist noch, ganz hinten, eine Flasche mit einem Rest Korn
gebunkert.
Die Schatten an der Wand verwandeln sich in hässliche Fratzen, die höhnisch
lachen.
„Sie schafft es nie trocken zu werden." Die Stimmen, die nur sie hört, dröhnen
in ihrem Kopf, „ es werden noch Wetten angenommen".
„ Mami, bist Du da"? ruft Tina weinend, als sie mit einem aufgeschlagenen,
stark blutenden, Knie vom Spielplatz kommt. Keine Antwort.
„ Ja, das tut gut. Aber jetzt ist der Rest auch noch weg", murmelt Linda,
nachdem sie sich mit dem Handrücken den Mund abgewischt hat.
Der Supermarkt an der Ecke ist ihre Rettung. Der hat noch geöffnet.
„Ein Hoch auf die neuen Ladenöffnungszeiten", denkt Linda, „ schnell
loslaufen und einkaufen". Jetzt kichert Linda albern vor sich hin, „das reimt
sich ja, wie lustig".
„Käse, Butter, Brot und ein kleines Fläschchen für Mami", lallt sie.
Später an der Supermarktkasse reicht das Geld nicht. So sehr sie auch in ihren
Taschen kramt.
„ Wer braucht Butter? Die macht bloß dick. Brot und Käse reichen", murmelt
sie. Mit einem Schulterzucken legt sie die Butter zurück und umfasst die große
Schnapsflasche, billigster Korn. Die hämischen Bemerkungen der
Umstehenden überhört sie.
Schnell trägt Linda die Einkäufe nach Hause. Im dunklen Hausgang schraubt
sie die Flasche auf. Nur einmal dran riechen, nur einmal, ganz kurz, nippen.
An der Wohnungstür passt der verflixte Schlüssel nicht. Dieses verdammte
Schlüsselloch! Linda nimmt einen großen Schluck aus der Pulle.
„Tina, wo ist das Kind schon wieder", schreit Linda wütend, während sie mit
den Fäusten gegen die Tür hämmert.
Als sie gegen die Tür tritt, hört sie von drinnen Schritte. Ihren verletzten,
blutenden Zeh spürt sie nicht.
„ Mama, ich komme schon", ruft Tina.
Ängstlich öffnet die Kleine die Tür. Ihre Mutter stolpert an ihr vorbei in den
Flur. Sie fällt auf den harten, kalten Fliesenboden. Aus einer großen, klaffenden
Wunde an der Stirn sickert Blut, das Linda über das Gesicht läuft. Um Linda
herum liegen die Scherben der Flasche, deren Inhalt sich jetzt auf dem Boden
verteilt.
„ Mami, was ist los? Sag doch was. Steh bitte auf, ich helfe dir." Tina schluchzt
herzzerreißend. Die Siebenjährige überlegt kurz.
Dann hört Linda, wie die Kleine telefoniert.
Das Martinshorn des Krankenwagens dröhnt in ihrem Kopf.
„ Verdammt, dieser Lärm ist grauenhaft. Wo bin ich überhaupt"? Linda ist
völlig verwirrt.
Die Fratzen grinsen von der Küchenwand auf sie herunter. Die Wette hätten sie
gewonnen. Und das war gar nicht schwer.
Linda hört Menschen sprechen, spürt, dass sie angefasst und hochgehoben
wird.
„ Wo ist Tina, wo ist Tina, nie ist sie da, wenn man sie braucht", spotten die
Fratzen", allein schafft sie es sowieso nicht. Und ihr kleines Mädchen wird sie
nie wieder sehen."
Die Abfahrt des Krankenwagens erlebt Linda nicht mehr. Die Fratzen haben
Recht behalten. Tina ist jetzt ganz allein.



