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Schatten an der Wand

„Macht, dass Ihr rauskommt. Dieser irre Lärm." Linda liegt auf dem Boden und

verfolgt mit weit aufgerissenen Augen riesige Schatten an der Wand. Die

fassen nach ihr, zerren an ihr herum. Sie versuchen, sich in ihrem Kopf

einzunisten. Direkt durch die Augen schauen sie in den Kopf, in das Gehirn.

Sie werden ihre geheimsten Gedanken lesen, beeinflussen, jede Vernunft

ausschalten.

„Wo ist Tina, mein kleines Mädchen"? Linda kreischt völlig hysterisch.

Sie kriecht auf allen Vieren in die Küche, wo noch eine Flasche unten in der

Spüle steht. Als sie den billigen Weinbrand in den Händen hält, beginnt sie zu

zittern.

Sie schraubt umständlich den Verschluss auf und versucht den Tremor zu

unterdrücken. Die Flasche rutscht ihr aus den Händen und zerschellt auf dem

gefliesten Küchenboden.

„Schade um den Rest", denkt Linda. Wütend kickt sie die Scherben durch die-

ganze Küche. Sie tastet sich, immer schön langsam und vorsichtig, zum

Küchenschrank. Da ist noch, ganz hinten, eine Flasche mit einem Rest Korn

gebunkert.

Die Schatten an der Wand verwandeln sich in hässliche Fratzen, die höhnisch

lachen.

„Sie schafft es nie trocken zu werden." Die Stimmen, die nur sie hört, dröhnen

in ihrem Kopf, „ es werden noch Wetten angenommen".

„ Mami, bist Du da"? ruft Tina weinend, als sie mit einem aufgeschlagenen,

stark blutenden, Knie vom Spielplatz kommt. Keine Antwort.

„ Ja, das tut gut. Aber jetzt ist der Rest auch noch weg", murmelt Linda,

nachdem sie sich mit dem Handrücken den Mund abgewischt hat.

Der Supermarkt an der Ecke ist ihre Rettung. Der hat noch geöffnet.

„Ein Hoch auf die neuen Ladenöffnungszeiten", denkt Linda, „ schnell

loslaufen und einkaufen". Jetzt kichert Linda albern vor sich hin, „das reimt

sich ja, wie lustig".

„Käse, Butter, Brot und ein kleines Fläschchen für Mami", lallt sie.

Später an der Supermarktkasse reicht das Geld nicht. So sehr sie auch in ihren

Taschen kramt.

„ Wer braucht Butter? Die macht bloß dick. Brot und Käse reichen", murmelt

sie. Mit einem Schulterzucken legt sie die Butter zurück und umfasst die große

Schnapsflasche, billigster Korn. Die hämischen Bemerkungen der

Umstehenden überhört sie.

Schnell trägt Linda die Einkäufe nach Hause. Im dunklen Hausgang schraubt

sie die Flasche auf. Nur einmal dran riechen, nur einmal, ganz kurz, nippen.

 

An der Wohnungstür passt der verflixte Schlüssel nicht. Dieses verdammte

Schlüsselloch! Linda nimmt einen großen Schluck aus der Pulle.

„Tina, wo ist das Kind schon wieder", schreit Linda wütend, während sie mit

den Fäusten gegen die Tür hämmert.

Als sie gegen die Tür tritt, hört sie von drinnen Schritte. Ihren verletzten,

blutenden Zeh spürt sie nicht.

„ Mama, ich komme schon", ruft Tina.

Ängstlich öffnet die Kleine die Tür. Ihre Mutter stolpert an ihr vorbei in den

Flur. Sie fällt auf den harten, kalten Fliesenboden. Aus einer großen, klaffenden

Wunde an der Stirn sickert Blut, das Linda über das Gesicht läuft. Um Linda

herum liegen die Scherben der Flasche, deren Inhalt sich jetzt auf dem Boden

verteilt.

„ Mami, was ist los? Sag doch was. Steh bitte auf, ich helfe dir." Tina schluchzt

herzzerreißend. Die Siebenjährige überlegt kurz.

Dann hört Linda, wie die Kleine telefoniert.

Das Martinshorn des Krankenwagens dröhnt in ihrem Kopf.

„ Verdammt, dieser Lärm ist grauenhaft. Wo bin ich überhaupt"? Linda ist

völlig verwirrt.

Die Fratzen grinsen von der Küchenwand auf sie herunter. Die Wette hätten sie

gewonnen. Und das war gar nicht schwer.

Linda hört Menschen sprechen, spürt, dass sie angefasst und hochgehoben

wird.

„ Wo ist Tina, wo ist Tina, nie ist sie da, wenn man sie braucht", spotten die

Fratzen", allein schafft sie es sowieso nicht. Und ihr kleines Mädchen wird sie

nie wieder sehen."

Die Abfahrt des Krankenwagens erlebt Linda nicht mehr. Die Fratzen haben

Recht behalten. Tina ist jetzt ganz allein.

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