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Die Sache mit dem Regenschirm

Als Herr K. an jenem Abend seine Wohnung verließ, vergaß er seinen Regenschirm. Auf den ersten Blick mag diese Tatsache nicht weiter erwähnenswert scheinen, denn am sternklaren Nachthimmel war kein Wölkchen zu sehen, das den Gebrauch eines Schutzgegenstandes nahegelegt hätte. Tatsache ist jedoch, dass Herr K. sein Haus niemals ohne Regenschirm verließ. An diesem Tag aber beging Herr K. seinen 75. Geburtstag und hatte aus diesem Anlass beschlossen, sich selbst in ein Nobelrestaurant einzuladen. Dergleichen hatte er noch nie getan und es steht zu vermuten, dass die daraus entstandene Euphorie der Anlass war, dass er seinen ständigen Begleiter schlicht übersah.

Im Restaurant verstand Herr K. die französische Speisekarte nicht und bestellte auf gut Glück irgendetwas, das sich zu seiner Erleichterung als einfaches Schnitzel mit Bratkartoffeln und gemischten Salat mit Oliven entpuppte. Allein der Inhalt des Desserts, dessen Namen er sich weder merken konnte noch wollte, blieb ihm ein Rätsel, was den Gesamterfolg des Abends aber nicht zu schmälern vermochte. Halb gesättigt und bester Laune begab sich Herr K. zur Garderobe, die nachlässiger Weise gerade nicht besetzt war, nahm eigenhändig seinen Mantel vom Haken und – erstarrte. Er wurde erst rot, dann weiß, dann wieder rot, bückte sich, um unter den Tresen zu sehen und wollte gerade nach dem Ober rufen, als sein Blick auf einen etwas versteckt stehenden Schirmständer fiel. Er entspannte sich augenblicklich, nahm einen schwarzen Schirm an sich und winkte beim Hinausgehen der gerade zurückkehrenden Garderobiere freundlich zu.

Doch Herr. K. hatte kaum die Strasse betreten, als sich eine schwere Hand von hinten auf seine Schulter legte. Empört drehte er sich um und sah sich dem Ober gegenüber, der aus kalten Augen tadelnd, wenn nicht sogar leicht angeekelt, auf ihn hernieder starrte. Bevor er sich nach dem Grund dieses schändlichen Betragens erkundigen konnte, gellte eine schrille Stimme aus dem Restaurant.

„Das ist der Dieb. Lassen Sie ihn bloß nicht laufen, Nestor.“

Herr K. musste sich etwas zur Seite beugen, um an seinem Peiniger, dessen Finger sich mittlerweile fest in seine Schulter gegraben hatten, vorbeischauen zu können. Dabei stellte er erstaunt fest, dass sich hinter jenem eine ganze Menschentraube angesammelt hatte, deren Mittelpunkt eine dicke, mit Unmengen von Schmuck behangene Frau bildete, bei der es sich vermutlich um die Ruferin handelte.

Herr K. richtete sich wieder auf und sah den Ober an.

„Ich wusste gar nicht, dass Sie Nestor heißen“, sagte er aus Mangel an einer angebrachteren Reaktion. Nestor zuckte nicht einmal mit einer Wimper.

„Folgen Sie mir bitte nach drinnen“, sagte er kühl. „Es widerspricht dem Ruf unseres Hauses, derlei Ennuis auf öffentlicher Strasse klären zu müssen. Genaugenommen widersprechen Ennuis grundsätzlich dem Ruf unseres Hauses.“

Herr K. wusste nicht, was Ennuis sind, folgte dem Mann aber durch die Menge hindurch zurück in das Lokal.

„Dieser Mann“, zeterte die dicke Dame, kaum dass er wieder drinnen war, „hat meinen Schirm gestohlen. Ein gemeiner Verbrecher ist das, ein Bösewicht unglaublichster Art. Eduard, sag doch auch mal was!“

Herr K. und alle anderen Anwesenden wandten ihre Aufmerksamkeit einem untersetzen Mann mit Glatze zu, der in seinen Zähnen bohrte und etwas zu Tage beförderte, dass er erst in aller Ruhe inspizierte und von seinem Finger schnippte, bevor er sich entgültig dem Geschehen widmete.

„Meine Güte, Hermine, das ist doch nur ein Schirm. Der Mann sieht auch gar nicht aus wie ein Verbrecher. Eher etwas senil.“

Herr K.s Hände begannen zu zittern. Dass man ihn einen Verbrecher und Bösewicht schimpfte, war eine Sache, die ihm in gewisser Weise sogar ganz interessant erschien, aber senil, das war nicht nur eine Verleumdung schändlichster Art, das war ein Angriff auf seine Würde. Mit aller Kraft, die er aufzubringen vermochte, richtete sich Herr K. auf und rief:

„Meine Herrschaften, nicht ich bin es, der sich hier täuscht, sondern Sie! Dieser Schirm gehört mit hundertprozentiger Sicherheit mir.“

Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Er merkte, wie Hände nach ihm griffen und ihm einen Stuhl unterschoben. Wie aus weiter Ferne hörte er die Frau sagen:

„Herrje, der arme alte Mann. Und das alles, wegen des albernen Schirms. Hören Sie, mein Guter, ich schenke Ihnen den Schirm, wenn Ihnen so viel daran liegt. Behalten Sie ihn.“

Sofort waren Herr K.s Sinne wieder beisammen. Das wurde ja immer schlimmer. Jetzt wollte man ihm auch noch Barmherzig kommen, ihm, der sich nichts hatte zu Schulden kommen lassen.

Herr K. sprang so plötzlich auf, dass die Frau erschrocken aufschrie.

„Oh nein, Madame“, rief er mit leidenschaftlicher Stimme, „da täuschen Sie sich erneut. Nicht Sie schenken mir den Schirm, vielmehr werde ich Ihnen den Schirm schenken. Da, nehmen Sie ihn, Sie bedauernswerte Person.“

Damit drückte er der verblüfften Frau den Regenschirm in die Hand und schritt würdevoll aus dem Restaurant hinaus.

Als Herr K. auf die Straße trat, fing es an zu regnen.

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