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Erwischt
In einer in sich geschlossenen Passage befinden sich im so genannten „Gäubodenpark" ein Verkaufsstand für Obst, gegenüber einer Theke mit Backwaren, daneben eine Metzgerei und ein Zeitschriftenstand. Ich aß an einem Stehtisch zwischen Kühltheke und Bäckerei Currywurst mit Pommes, das Tagesangebot der Metzgerei Naderle. Eine Frau um die Fünfzig kam direkt auf mich zu, sah mich eine Weile wortlos an, guckte sich nach allen Seiten um, und legte schließlich ihre Handtasche auf einen der freien Stehtische. Ich folgte ihr aufmerksam mit meinen Augen und spürte, dass bald etwas Unangenehmes geschehen würde. Ein solches Gefühl hat mich bisher noch nie getäuscht. Die Frau starrte mich an wie eine Irrsinnige.
Zunächst ereignete sich nichts. Die Frau stand am Tisch und stierte vor sich hin. Ich holte mir Kaffee und beobachtete sie bei einem Drehgestell mit Ansichtskarten. Unbeeindruckt von den vorbeigehenden Menschen drehte sie ihren Kopf andauernd von links nach rechts und umgekehrt. Wie ein Zuschauer beim Tennismatch. Das tat sie um ihre Handtasche zu bewachen. Ihre schwarze Tasche war total verschlissen, das Leder rissig. Eine braune Papiertüte lugte heraus. Die Frau griff sich eine Glückwunschkarte nach der anderen, drehte jede mehrmals und steckte sie zurück. Sie wirkte auffällig angespannt. Ich schaute der seltsamen Frau gebannt zu. Plötzlich geschah es. Blitzschnell ließ sie eine Karte in Zellophan unter ihrem schmutzigen Mantel verschwinden.
Nun bewegte sich alles um mich wie in Zeitlupe. Mein Puls stieg. Auf meiner Stirn bildeten sich Schweißperlen, in der Magengegend spürte ich einen unangenehmen Druck. Nur in einem Bruchteil einer Sekunde hatte ich etwas gesehen. Doch was sah ich eigentlich? Den Diebstahl einer zwei Euro teuren Glückwunschkarte? Dabei hatte ich sie immerhin erwischt! Oder bildete ich mir alles nur ein? War es etwa ein Wunschgedanke, weil ich das einfach genau so sehen wollte? Die Frau ging zum Tisch, auf dem die zerschlissene Handtasche lag. Umklammerte sie mit beiden Händen. Redete mit sich selbst. Ich verstand kein Wort, obwohl ich nur zwei Meter entfernt war.
Die Verkäuferin des Zeitungsladens kannte ich schon seit Jahren. Sollte ich ausplaudern, was ich gesehen hatte? Oder etwa gleich die Polizei anrufen? Vielleicht musste ich meinem inneren Druck nachgeben und die Diebin bitten die Karte zu bezahlen?
Zwei mollige, dunkelhaarige Frauen fragten die seltsame Frau, ob sie sich zu ihr an den Tisch stellen dürften. Sie nickte kurz und musterte die zwei Frauen penibel. „Was kostet das, was ist das?", fragte sie. Die Dickere der beiden antwortete: „Milchkaffee, kostet einszwanzig."
„Schmeckt das gut?", fragte sie weiter, schaute dabei desinteressiert zur Seite.
Noch bevor die Dicke antworten konnte, fragte sie erneut: „Was kostet das, was trinken Sie da?" Die Frage wiederholte sie noch zweimal.
Die beiden Frauen gingen wortlos zu einem anderen Tisch. Nun begann die Diebin hin und her zu zappeln. Dabei umklammerte sie den Tisch so kräftig, dass ihre Handknöchel weiß wurden und die Tischplatte wackelte. Ich fragte mich: was wird die Frau wohl als nächstes tun?
Wie wird sie sich benehmen, wenn ich sie frage, warum sie die Karte gestohlen hat? Möglicherweise dreht sie durch, schlägt mit der Handtasche wild um sich, spuckt mir direkt ins Gesicht und flüchtet. Aber wenn sie bitterarm war? Kann das sein, dass sie zur Befriedigung ihrer inneren Zwänge klaut? Eine Kleptomanin?
Ich schwitzte im Gesicht mittlerweile so stark, dass mir Schweißperlen herunterliefen, meine Wangen waren dunkelrot. Die Passanten starrten mich im Vorbeigehen an. Welche Fragen stellten sie sich?
Ich kam mir schon selbst wie ein Dieb vor und musste nun endlich handeln. Einige Augenblicke sah ich zu Boden, überlegte mir eine Strategie. Als ich wieder hochschaute, war die Frau weg.
Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, ob ich das wirklich erlebt hatte. War es vielleicht nur ein Tagtraum, wie so oft in letzter Zeit? Ich hängte meine braune Lederjacke an die Garderobe. Wie immer griff ich mir meine Brieftasche aus dem Innenfutter der Jacke. In der Hand hielt ich auch eine Glückwunschkarte, die in Zellophan eingeschweißt war. Wo kam denn die her? Ich hatte am Zeitschriftenstand doch gar nichts gekauft!



