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Kugelrot und Knofelgrün

"Gibt¹s nicht!" "Was?" "Kugelrot." "Selbstverständlich gibt es kugelrot."
Johanna schüttelt energisch den Kopf, sie beugt sich leicht nach vor, ihre
Augen blitzen angriffslustig und ein wenig boshaft. "Nein. Es gibt kugelrund, kugelförmig, kugeln, kugelig. Aber es gibt kein Wort kugelrot." "Sollen wir im Duden nachschauen?" wagt Sophia vorzuschlagen, obwohl sie genau weiß, dass Johanna nicht einmal in Erwägung ziehen wird, das Wörterbuch zu holen. "Nein, kugelrot, gibt es nicht. Such¹ ein neues Wort." Ungeduldig deutet Johanna auf das Scrabblebrett und beginnt angespannt mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln. Sophia knabbert an ihrer Unterlippe, wie immer, wenn sie sich einer Diskussion mit ihrer Freundin nicht gewachsen fühlt. Sie zieht die Schultern hoch und schweigt. Zehn Jahre Zusammenleben mit Johanna haben ihr gelehrt, wann es Zeit ist still zu sein.

Für das berühmte letzte Wort ist Johanna zuständig. Sie ist die Meisterin im Umgang mit Worten, Sophia beherrscht die Kunst des perfekten Schweigens. Vor allem heute will Sophia jeden Konflikt vermeiden. "Es ist Zeit." Sie wirft einen Blick auf die Pendeluhr: halb eins. "Ich koche heute." Johanna runzelt die Stirn: "Ich kann aber auch kochen. Mir macht das gar nichts." Sophia zuckt mit der Schulter, steht vorsichtig auf. Ihre Knie schmerzen und sie braucht einen Moment, bis sie sich wieder auf beiden Beinen sicher fühlt. "Du wirst alt!" kommentiert Johanna. "Ich bin alt, meine Liebe und Du auch. Wir sind beide fünfundsiebzig." "Ja, aber mir geht es besser." "Das freut mich aber, Johanna." Noch immer vorsichtig macht sich Sophia auf den Weg in die Küche.

Johanna isst jeden Tag pünktlich um ein Uhr zu Mittag. "Gerade wenn man über siebzig ist, muss man regelmäßig essen" predigt sie gern. Sophia schüttelt dazu nur den Kopf. Aber sie findet nie die ent-scheidenden Argumente um Johanna zu überzeugen, also lässt sie es. "Warum willst Du heute kochen?" Johanna lehnt mit verschränkten Armen an der Küchentür und schaut neugierig in ihre Küche. "Lass mich doch. Ich will eben." "Gut." Johanna ist unschlüssig, was sie machen soll. Sie seufzt und fühlt sich aus ihrer Küche vertrieben, sagt daher mit einem durchtriebenen Lächeln: "Es ist schon dreiviertel." Sophia schweigt und stellt einen Topf mit Wasser auf den Herd.  Johanna seufzt beleidigt und geht herausfordernd langsam ins Wohnzimmer.


Sophia holt ein fest verschraubtes Glas aus dem Kühlschrank. Schöne Farbe, freut sie sich, und betrachtet liebevoll den grasgrünen Inhalt. Gestern war sie Bärlauch pflücken. Sophia schätzt den wilden Knoblauch, mag den intensiven Geruch, erfreut sich an dem frischen Grün. Johanna ist bei Bärlauch vorsichtig, jeden Frühling befürchtet sie, dass Sophia versehentlich statt Bärlauch die giftigen Maiglöckchenblätter nach Hause bringen könnte. "Ich verwechsle schon nichts," hat Sophia auch dieses Jahr Johannas Bedenken zerstreut. Sophia öffnet erneut den Kühlschrank und nimmt ein zweites giftgrün gefülltes Vorratsglas heraus. Spaghetti mit Bärlauch-pesto: Sophia freut sich schon darauf und pünktlich um eins wird das Essen serviert werden. Die Spaghetti sind al dente, sorgfältig füllt Sophia zwei Teller mit Pasta. "Für Johanna!" Kaum merkbar verzieht sie die Lippen zu einem Lächeln und gießt den Inhalt des zweiten Glases auf die Nudeln. Danach wäscht sie sich sorgfältig und bedächtig die Hände. Erst dann leert sie den Inhalt des anderen Glases auf ihr eigene Portion und ruft laut. "Johanna, wir können essen."

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