Kurzgeschichtenwettbewerb II /2006
Falke legt hier eine Arbeit vor, die dem Leser viel abverlangt und ihn in die grausame Welt des Krieges zieht, wie in Zivilisten jeden Tag auf der Welt erleben müssen. Wir erfahren nicht, wann und wo das Kind erst Eltern, dann Orientierung und Wahrnehmung und schließlich auch das Leben verliert. Falke gelingt es über die Rückblendentechnik, Zeitenwechsel und plastische, wie gemalt wirkende Schilderungen, den Bogen zu einer Wahrheit zu schlagen, vor der wir nicht die Augen verschließen dürfen.
2. Tanja Wichmann – Der will nur spielen
Ein Text, der durch liebevoll verarbeitete Details und kunstvoll aufgebaute Spannung besticht: in das schöne Naturbild schleicht sich eine leise Bedrohung ein, die die Ich-Erzählerin durch die plötzliche Begegnung mit einem Hund in Panik auflöst. Der Leser, selbst wenn er ein Hundefreund ist, kann sich der unmittelbaren Angst nicht entziehen. Die Schlusswendung überzeugt dann endgültig durch den Überraschungsmoment.
3. Katharina Schlüter – Richard Cory
Es ist eine Kunst, die jeder Schriftsteller beherrschen muss: auch das andere Geschlecht glaubwürdig charakterisieren zu können. Dies gelingt Katharina Schlüter scheinbar mühelos: so ist die Entscheidung eines Mannes, der sich gegen Karriere und männliche Muster entscheidet und dabei fast aus der Welt fällt, einfühlsam beschrieben und für den Leser klar nachvollziehbar. Besonders beeindruckend an diesem Text sind die Beschreibungen alltäglichen Erlebens, gegen den die Gefühle immer wieder anprallen.
4. Inga Wagner – Fremder Vater
Diese Erzählung zeigt, wie viel sich aus der Vorgabe der 8. Grundschul-Aufgabe machen lässt: die Figuren bleiben anonym, außer ein paar spärlichen Andeutungen erfahren wir nur wenig über ihr Äußeres und fast nichts über Leben. Einzig und allein geht es um eine rein biologische Verbindung, die über ein erstes Treffen zu einer Beziehung werden soll: das Unmögliche dieses Unterfangens und das Scheitern-müssen zweier Menschen hat Wagner hier ganz deutlich gemacht.
5. Dorothea Seckler – Der Experte
So können satirische Elemente mit erzählerischen Einheiten verbunden werden: amüsiert begleiten wir in einer Büro-Tipp-Gemeinschaft den Gewinner, der alle erstaunt. Die Autorin arbeitet mit sparsamen Mitteln und knappem Stil, die die Pointe am Schluss nur um so besser herausstellen: eine rundum geglückte Persiflage auf das Fußballfieber.
Mit spröder, trockener Sprache führt uns Winkler in die Gedankenwelt eines Attentäters ein und verarbeitet literarisch die erschütternde Realität, die uns jeden Tag über die Medien streift. Über die Collagentechnik und inneren Monolog macht sie das Innenleben eines Menschen transparent, dessen Motive für uns unbegreiflich bleiben – indem sie uns aber am „Alltag“ eines Schläfers teilhaben lässt, wird die allgegenwärtige Bedrohung für uns endlich deutlich.
7. Birgit Knautz – Gesetz ist Gesetz
Hier geht es um das Aufbrechen von Regeln, die unumstößlich zu sein scheinen. Wie schnell Menschen sich an Vorurteile und Vorgaben halten und dabei das Wesentliche aus den Augen verlieren können, dies zeigt uns die Autorin mit leisem Humor und der Fähigkeit, ihren Figuren Gesicht und Charakter zu geben. Elegant arbeitet Sie mit der Technik des Wiederholens, ohne dabei zu langweilen: Handwerk, das beherrscht sein will.
Annelore Jarisch zeigt hier, wie Dialoge funktionieren müssen: ohne ausufernde Schilderungen bekommen wir ein deutliches und plastische Bild der Figuren und mit Umgangssprache und knappen Sprechverben eine klare Sicht auf Charakter und Verhalten. So gelingt ihr ein überzeugendes Dramolett mit zwei gänzlich verschiedenen Akteuren, an dessen Ende nur einer gewinnen kann.
9. Andrea Teipel - Eine zweite Chance
Sehr geschickt führt Andrea Teipel den Leser bis zum Ende ihrer Erzählung an der Nase herum, so dass die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren als Ehe daher kommt. Wir erwarten eine klassische Mann-verlässt-Frau-Tragödie, die zwangsläufig in Tränen enden muss. Ganz wunderbar arbeitet die Autorin männliche und weibliche Verhaltensweisen über Dialoge und Beschreibungen heraus und zeigt darüber hinaus die Gabe zur Verdichtung bis zum überraschenden Schluss.
10. Rose-Marie Zacharias – Ein Mittagessen in Brenzone
Hier sehen wir auf eine Frau, die sich damit abfinden muss, nunmehr allein zu sein und sich sehr schwer damit tut, ihrer Vergangenheit ins Auge zu sehen. Zorn, ungerechtes Verhalten und Schmerz bis zur körperlichen Reaktion sind hier präzise herausgearbeitet. Die knappen, transparenten Dialoge und fein dazwischen geschalteten Schilderungen lassen uns einen Blick auf einen Menschen werfen, der sich nur in Verdrängung flüchten kann.




