Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Eine zweite Chance
Mit klopfendem Herzen glättete Traudel imaginäre Falten aus der mit bunten Blumen bestickten Tischdecke. Sie spürte, wie sich der Knoten in ihrem Hals zu einem Kloß vergrößerte, als Hans zu sprechen begann.
„Ich muss dir etwas sagen.“ Hans saß ihr unruhig im Sessel des gemeinsamen Wohnzimmers gegenüber und zupfte an seinen Ohrläppchen. Er versuchte ihren Blicken auszuweichen und starrte das kitschige Ölgemälde an der gegenüberliegenden Wand an, als wolle er es hypnotisieren. „Ich gehe fort, noch heute Abend.“ Jetzt blickte er in ihr müdes, vom Leben gezeichnetes Gesicht und wartete auf eine Reaktion. Das dumpfe dong, dong, dong der Standuhr aus dem 19. Jahrhundert ließ beide zusammenzucken.
Traudel hatte in Gedanken immer wieder die Situation durchgespielt, doch jetzt, wo es soweit war, glaubte sie, nicht damit fertig zu werden. Sie schaute auf ihre zerschlissenen Pantoffeln und die mit Altersflecken übersäten Hände, die nun in ihrem Schoß lagen. Sie hatte alles für ihn getan. Ihre Arbeit aufgegeben, den Haushalt geschmissen und seine Launen ertragen. Sie hatte ihre Hobbys vernachlässigt und sich dabei verloren.
„Ich habe eine Freundin. Du hast es geahnt, stimmt`s?“ Er war froh, dass es heraus war.
„Ich weiß es schon lange. Du bist mit ihr gesehen worden.“
Traudels Stimme war so leise, dass Hans sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen.
„Ich werde mit Susanne zusammenziehen.“
Er hatte lange genug ihre Bemutterung ertragen und musste raus aus dieser Enge, in der er sich vorkam wie in einem Käfig. Er wollte endlich leben. Keine Fragen mehr, wohin er Abends ging und wann er wiederkommen würde. Aber er hatte Angst Traudel allein zu lassen. Sie war so hilflos ohne ihn. Nur sollte er deswegen sein Leben aufgeben? Es würde sich für beide nichts ändern. Je eher er auszog, umso besser.
Ihre beste Freundin Martha besuchte sie vor ein paar Wochen.
„Traudel, wenn er gehen will, dann lass ihn. Du musst dein Leben leben. Ich habe das auch durchgemacht. Glaub mir, du schaffst das. Wir werden öfter etwas zusammen unternehmen.“
„Ich weiß nicht“, antwortete sie resigniert.
Jetzt saß Traudel einsam und verloren da und beobachtete Hans beim Packen, als sie an das Gespräch mit Martha dachte. Da verschwand der Kloß in ihrem Hals. Die gute Martha. Wie recht sie hat. Ich muss mich ändern, dachte sie.
Hans schleppte die großen Koffer aus dem Haus und gab Traudel einen flüchtigen Kuss auf die Wange, als sie plötzlich ein altes Lied fröhlich summte. Hans wunderte sich und blieb stehen, als sie bereits die Tür hinter sich schloss. Ihn überkam Sehnsucht nach seinem Heim, in dem er über dreißig Jahre mit ihr gelebt hatte.
Traudel rief Martha an und erzählte von Hans` Auszug. Die freute sich über die Zuversicht in Traudels Stimme. Beide sangen nun: „Hänschen klein, ging allein. Doch die Mama weint nicht mehr.“ Danach schaute sie auf das Bild ihres verstorbenen Mannes und sagte: „Unser Sohn ist heute ausgezogen, Heinz, aber er wird mich bald besuchen, das hat er mir versprochen. Jetzt muss ich erst mal lernen, ohne euch beiden zu leben. Und das werde ich schaffen!“



