Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Gesetz ist Gesetz
Phil streckt sein Gipsbein weit von sich und verzieht das Gesicht. „Hast du Schmerzen?“, fragt Mona aus ihren Kissen heraus. Natürlich hat er Schmerzen, sehr starke sogar. Er kann seine Gefühle jedoch nicht ausdrücken. Sein autistisches Empfinden ist nur nach innen gerichtet. Deshalb antwortet er nicht. Stattdessen zieht er durch die halbgeöffneten Mundwinkel die Luft ein, so dass ein zischendes, sprudelndes Geräusch entsteht. Dann rollt er mit seinem Rollstuhl an Monas Bett. Er greift unter ihr Bett, wo die Hebel in verschiedene Richtungen zeigen. „Nicht, du weißt doch, dass du mein Bett nicht verstellen darfst, ich muss steif wie ein Brett auf dem Rücken liegen“, sagt Mona.
Mona und Phil hatten beide einen Fahrradunfall. Ihre Zimmer im Krankenhaus liegen nebeneinander. Jeden Morgen besucht Phil seine Nachbarin. Manchmal legt er den Arm um sie und will sie heiraten . Doch dazu wird er niemals fähig sein. Mona mag auch Phil. Sie lässt ihn so sein, wie er ist. Sie behandelt ihn als vollwertige, intelligente Person. Jeden Morgen führt Phil das gleiche Ritual durch. Zuerst stellt er alle Schlüssel an den Schränken waagerecht, dann legt er die Bücher auf dem Tisch exakt aufeinander, danach streicht er Monas Bettdecke glatt. Dem starken inneren Drang, auch die Betthebel waagerecht zu stellen, widersteht er. Wenn er alles zurechtgerückt hat, gibt er Mona das Andachtsbuch. Während sie liest, sitzt er ganz ruhig da. Schweißperlen bilden sich unter seinen blonden, lockigen Haaren. Erst jetzt fällt Mona auf, dass er sich für das warme Sommerwetter viel zu dick angezogen hat. Er trägt eine lange Trainingshose und eine dazu passende Jacke, die er bis zum Hals geschlossen hält. „Möchtest du die Jacke nicht ausziehen? Ein T-Shirt würde doch genügen“, sagt Mona. „Nein, das muss so sein.“ Phil duldet keine weitere Diskussion. In diesem Augenblick kommt Schwester Martha herein. Sie poltert sofort los: „Verschwinde in dein Bett und wage nicht, es heute noch einmal zu verlassen !“ Sie versucht, ihn aus dem Zimmer zu zerren, doch Phil ist stärker als sie.“ Lass mich in Ruhe“, sagt er, und setzt den Teddybären auf seinem Schoß zurecht. „Im Krankenhaus gibt es aber Richtlinien, ärztliche Verordnungen, an die sich der Patient zu halten hat. Gesetz ist Gesetz!“, donnert Schwester Martha. Mit klappernden Sohlen verlässt sie das Zimmer.
Phil holt sein Qartettspiel aus der Hosentasche und teilt die Karten aus. “Wie viel Spiele?“, fragt Mona. „Vier“ antwortet Phil. Zwei gewinnt er, zwei sie. So machen sie es immer. Vor dem Mittagessen fährt Phil in sein Zimmer zurück.
Am frühen Nachmittag jedoch verlässt er mit seinem Rollstuhl ungesehen die weit geöffneten Eingangstore. Er genießt die frische Luft und die Freiheit in vollen Zügen. Sein Rollstuhl rollt an den Bänken im Eingangsbereich vorbei, an der Telefonzelle und dem Springbrunnen.Marthas Androhungen kümmern ihn nicht.
Um 14.00 Uhr hat Schwester Martha endlich Dienstschluss. Sie zieht sich um, packt ihre Sachen und schreitet zum Auto. Dort erwartet sie eine Überraschung in Form von Polizeioberinspektor Grün. „Guten Tag, Frau Martha Wild ?“ „ Die bin ich. Was ist denn los ?“, fragt Martha ungehalten. „Ihr Wagen steht im Halteverbot.“ „ Das hat bisher nie jemanden gestört.“ „ Mich stört es. Außerdem ist ihr TÜV seit drei Monaten fällig. Der junge Mann im Rollstuhl hat mich darauf aufmerksam gemacht.“ Martha sieht ein Gipsbein zwischen den parkenden Autos hervorlugen. Mit ausgestrecktem Zeigefinger in Phil’s Richtung schnaubt sie: „Dieser Kerl hat unerlaubt das Krankenhaus verlassen. Sie sollten ihn einsperren!“ Herr Grün schüttelt den Kopf. „ Der Junge ist mein Freund, meine rechte Hand. Er verfügt über ein grandioses Nummern- und Zahlengedächtnis.“ Er winkt Phil zu sich heran und notiert dann die Personalien von Frau Wild. Ihr Geburtsdatum ist der 16.02.1969. Ein Strahlen breitet sich über Phil’s Gesicht. „ Oh, ein Sonntagskind, die Glückliche“, ruft er entzückt. Schwester Martha ist verwirrt und erstaunt. Mit offenem Mund starrt sie ihren Patienten an. „Stimmt das?“, fragt der Polizist. „ Dass ich an einem Sonntag geboren bin, stimmt wirklich. Aber glücklich ?“
Vor Marthas innerem Auge läuft ein Film ab, die unglückliche Tragödie ihres eigenen Lebens. Langsam und bedauernd schüttelt sie den Kopf. „Vom Pech verfolgt passt
besser, als vom Glück begünstigt“, sagt sie. Seit langem zurückgehaltene Tränen laufen an ihren Wangen herab. Sie wischt sie erschrocken ab. Bei dieser
unerwarteten Gefühlsäußerung der rabiaten Krankenschwester hätte der Gesetzeshüter den Strafzettel beinahe im Effekt zerrissen. Doch Phil raunt ihm zu : „Gesetz ist Gesetz!“



