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Der Experte

Eigentlich war es ja lustig gewesen. All diese nationalen Eigenheiten: Deutsche nie ohne Schweizer Flankenschutz, Schweizer sicherheitsbewußt (oft mit Zweitfahne – meist Brasilien). Kroatische Flaggen, die sofort nach dem Ausscheiden eingezogen wurden; englische Fahnen, die gehisst blieben. Die italienischen Banner wurden größer und zahlreicher von Spiel zu Spiel. Franzosen: en toute discrétion, nur kurzes Fahnenschwenken an jenem Abend, als sie den Toppfavoriten aus dem Turnier geworfen hatten. Und dann gab es noch Côte d’Ivoire und Trinidad mit ihren fast ausschließlich weiblichen, bauchfreien Gemeinden.

„Kollege Külzer, Fußballgott !“ Hunzikers Pranke jagte auf Ruedis Schulter. „Du hast den Jackpot geknackt, gratuliere!“ Ein Couvert flog auf den Schreibtisch. Wie jedes Mal hatte Hunziker die WM-Wette organisiert, kaum einer, der nicht mitmachte. Ruedi – neu in der Abteilung - hatte zum Erstaunen der alten Hasen praktisch immer richtig gelegen. „Wie machst Du das bloß ?“, wollte Hunziker wissen. „Lernst du den Kicker auswendig ? Gazzetta dello Sport ? Equipe ?“ „Weiss nicht“, Ruedi zuckte die Schultern, „Erfahrung halt, Beobachtung.“

In Wirklichkeit war es viel einfacher. Ruedi gab seine Tipps ausschließlich auf Grundlage nationaler Klischees ab. Polen zum Beispiel. Die mussten einfach rausfliegen, so, wie die sich in der EU aufführen. Ecuador: Eine Fleißmaus. Deutschland: Lauter Kampfpanzer. Paraguay: Reines Hasenfutter. Trinidad & Tobago: Einfach zu cool, die Jungs. Serbien immer der Loser, sobald irgendwo Kroatien auftaucht. Iran total übermotiviert, Angola sicher mit irgendeinem Trainerproblem. USA: Da spielen bloß die Frauen ernsthaft Fussball. Ghana: Noch eines dieser Gurkenländer. Die Tschechen: harte Burschen, die beißen sich durch – Ruedi war ehrlich verwundert, als einmal seine Rechnung nicht aufging. Dafür bei den Gruppen F, G und H wieder alles im grünen Bereich: Kroatien immer der Loser, sobald irgendwo Serbien auftaucht, Australien down under – eben -, der Südkoreaner verbissen, die Togolesen sicher mit irgendeinem Trainerproblem. Und der Araber zu faul zum Trainieren (Tunesien, Saudi-Arabien).

Ab den Achtelfinals kombinierte Ruedi Klischees mit Allgemeinplätzen. Seine Prognosen am Abend zuvor und seine Analysen am Morgen danach waren sehr gefragt im Büro. Deutschland – Schweden ? „Heimvorteil“. Argentinien – Mexiko ? „Erfahrung.“ Schweiz – Ukraine ? „Man weiß ja, wie die sind.“ Brasilien – Ghana ? „Hasenfutter“. Spanien – Frankreich ? „Die Toreros haben noch immer geschwächelt, sobald es ernst wird.“ Dann die Schlussrunde: Deutschland – Argentinien ? „Zu viele Steaks, zuviel Testosteron bei den Gauchos.“ Italien – Ukraine ? „Hasenfutter“. Portugal-England ? „Engländer sind tragische Helden.“ Brasilien – Frankreich ? „Wartet es ab.“ Im Halbfinal entschied Ruedi das Rennen um den Jackpot endgültig für sich: Alle hatten auf Deutschland gesetzt, nur Ruedi auf Italien. „Man weiß ja, wie’s läuft.“ Portugal – Frankreich ? „Portugiesen sind tragische Helden.“ Und schließlich – das Finale: Den Italienern mochte keiner den Sieg gönnen. Ruedi wieder allein: „Man weiß ja, wie’s läuft.“

Anita schaute zur Türe herein: „Mensch, Experte ! Was machst du jetzt eigentlich, die WM ist doch vorbei ?“ „Hm, ja, schau’n mer mal“, zitierte Ruedi einen anderen Fußballkenner. Nach der WM ist vor der EM, dachte er vergnügt und fing an, das Geld im Jackpot zu zählen. 285 Franken. Gar nicht schlecht. Das sollte eigentlich für ein gutes Radio reichen. Oder ein Zeitungsabo. Oder sogar einen Fernseher, einen tragbaren jedenfalls.

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