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Fremder Vater

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.

„Sie hat es sich wohl anders überlegt“, dachte sich der Mann. Gerade wollte er sich umdrehen, als eine Hand vorsichtig auf seine Schulter tippte.

„Hallo.“ Als er die Stimme hörte, fühlte er, dass er am ganzen Körper zu zittern begann. Langsam drehte er sich um, als hätte er Angst sie zu erschrecken.

„Ich bin Eva Bauer. Sind Sie mein Vater?“ Er konnte nur nicken.

„Ich dachte es mir, wegen der Haare“, sagte sie mit einem Lächeln, eines der wenigen Dinge, an die er sich auch bei ihrer Mutter erinnern konnte. Und sie hatte seine roten Haare.

„Du bist also Eva?“ Sie gaben sich die Hand. Die Stille der Nacht war nicht zu überhören.

„Was machen wir jetzt?“ Sie schauten sich ratlos an, mitten in der Nacht auf einem leeren Bahnsteig.

„Es ist schon spät. Du musst erst mal was essen. So was sagt doch ein Vater seiner Tochter, oder?“ Er versuchte, über sich selber zu lachen, doch zu unangenehm war ihm die Situation. Sollte er ein fremdes junges Mädchen nachts mit in seine Wohnung nehmen?

„Ja, vor zehn Jahren wäre das angebracht gewesen“, sagte sie.

„Da wusste ich ja noch nicht von dir. Dein Brief hat mich sehr überrascht“, verteidigte sich der fremde Mann.

Sie gingen nebeneinander die Treppe zur Bahnhofshalle herunter. Es wurde etwas wärmer, aber kaum ein Mensch hielt sich hier auf, nur die Bedienung im Cafe und ein Obdachloser, der Schutz vor der Kälte suchte.

Beide schwiegen, beide starrten gleichsam ihre Schuhe an und beide fragten sich, was sie eigentlich hier machten.

„Essen wäre gut“, entschied sie sich. Plötzlich wusste sie nicht mehr, warum sie den Brief geschrieben hatte.

Sie setzten sich in die hintere Ecke des Cafes. Ein Anzugtyp saß an der Theke und las Zeitung. Er schaute skeptisch, als er das Paar sah.

Sie war so aufgeregt gewesen, als sie das Foto von ihm gefunden hatte. Sie wollte sich nur Mutters Perlenkette leihen, als sie ein Bild unter der Schatulle entdeckte und nicht gegen ihre Neugier ankam. Als sie den großen jungen Mann neben ihrer Mutter am Strand liegen sah, wurde ihr einiges klar. Warum sie größer war als alle anderen in der Familie, warum sie rote Haare hatte, als einzige in der Familie, warum sie zu dem Mann ihrer Mutter nie eine richtige Beziehung aufbauen konnte und warum sie sich immer ein bisschen fremd fühlte.

Als sie ihrer Mutter das Bild auf den Tisch legte, sagte diese nichts. Wie sie nie etwas sagte, wenn das Gespräch auf Evas Aussehen fiel.

So sagte die Mutter an jenem Abend wieder nichts, denn sie wusste auch nichts, außer dass es eine schöne Nacht war und dass sich ihre Wege getrennt hätten und dass sie nicht gewusst hätte, wie sie es Eva sagen sollte.

Der Kellner brachte zwei Cola. Sie bestellen Putensandwiches und Pommes.

„Wie hast du mich denn gefunden?“

„Durchs Internet“, antwortete Eva und hoffte, dass es mit dem Essen nicht zu lange dauerte. Sie nippte an ihrem Glas. Er nahm einen großen Schluck.

Jetzt wusste sie es nicht mehr. Was hatte sie erwartet? Dass sie ihn sah und sich ihr Leben änderte, dass alle Fragen beantwortet wären und die Zukunft keine weiteren mehr bringen würde? Dass sie sich wie alte Freunde unterhalten und über dieselben Witze lachen würden? Noch nie war ihr jemand so fremd gewesen. Fast unheimlich war es, mit diesem Mann nachts im Bahnhof zu sitzen.

„Was hast du denn jetzt vor“, fragte er.

Woher sollte sie das wissen? Ihre Gefühle waren andere, als sie ankam. Waren nicht mehr die, die sie hatte, als der Zug mit quietschenden Bremsen am Bahnhof einfuhr und sie sich erstmal hinter dem Automat versteckte, um den Mann zu beobachten, der ihr so ähnlich sah.

„Wie alt bist du denn“, fragte sie, in der Hoffnung, er würde seine Frage nicht wiederholen.

„38.“

„Dann bist du ja noch jünger als Mama. Ob sie mir deshalb nichts gesagt hat?“

„Ich weiß es nicht. Woher auch? Mir hat sie ja auch nichts gesagt und dir wohl auch nicht.“

„Ich hab sie auch nicht weiter gefragt.“

„Warum nicht?“, auch er hatte früher lieber keine Fragen gestellt, sonst hätte er ihre Mutter vielleicht mal angerufen.

Auch das wusste sie nicht und zuckte nur mit den Schultern.

„Hast du ihr denn gesagt, dass du mich besuchen willst?“

„He, da ist ja unser Essen“, schrie sie fast und dankte innerlich Gott.

„Schmeckt gut“, mampfte sie und steckte sich noch schnell ein paar Pommes in den Mund, um nicht in die Versuchung zu kommen, antworten zu müssen.

Um seine Mundwinkel zuckte ein allwissendes Vaterlächeln, als er dieses fremde Mädchen ansah.

„Du hast meine Frage gar nicht beantwortet“, grinste er und lehnte sich nach vorn. Er bestellte noch einen Kaffee.

„Wie war die noch mal?“

„Ob deine Mutter weiß, dass du mich besuchst oder ob ich bald eine Anzeige wegen Kindesentführung am Hals habe?“

„Kannst ja keinen entführen, den du nicht kennst.“ Jetzt schaute schon der Anzug, was denn der alte Kerl und das junge Ding zu lachen hatten.

„Naja, dein Teller wird ja bald leer sein und dann musst du mir wohl antworten.“

„Sie hätte mich ja nicht fahren lassen“, gab sie schließlich zu.

„Und wie soll es jetzt weitergehen?“

Warum sollte sie das wissen? Er war doch der Erwachsene. Was hatte sie auch gedacht, dass sie plötzlich nicht mehr zur Schule und nie wieder aufräumen müssen würde? Dass Probleme einfach verschwinden? Sie wusste es nicht mehr.

„Mit dem nächsten Zug gen Heimat?“; fragte er, denn ihm fiel auch keine bessere Lösung ein.

Sie nickte und bestellte noch eine Cola.

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