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Ein Mittagessen in Brenzone

Mit hastigen Schritten näherte sich die junge Frau dem Restau rant an der Uferpromenade des Gardasees, wohin sie sich nach zermürbenden Auseinandersetzungen mit ihrem Noch-Ehemann ge­flüchtet hatte. Im Gehen steckte sie den zerknitterten Umschlag mit den Hiobsbotschaften ihres Anwalts in die Handtasche. Das unaufdringliche Stimmengemurmel, das ihr an der Eingangstür entgegenschlug, legte sich wie Balsam auf ihre Nerven. Sie steuerte auf einen kleinen Tisch am Fenster zu und fand nach einem kurzen Blick in die Speisekarte ihr Lieblingsgericht. "Signora?" Ein schwarzbefrackter Ober stand neben ihr. "Die Nr. 4 'sogliola al burro' bitte und eine kleine Flasche
Bardolino."

"Eine ausgezeichnete Wahl, gnädige Frau. Unsere Seezunge ist
besonders empfehlenswert." Er lächelte mit einer leichten Ver­beugung in ihre Richtung. Flüchtig nahm sie aus den Augenwinkeln einen gut aussehenden Mann um die vierzig mit akzentfreiem Deutsch wahr. Eine leichte Konversation wird mir nach dem Schock von vorhin gut tun, dachte sie.  "Wo haben Sie Deutsch gelernt?" "Ich habe sechs Jahre in Norddeutschland ein Spezialitäten­restaurant geführt - in Kiel. Kennen Sie Kiel?" Schlagartig sank ihre Stimmung auf den Nullpunkt. Der Appetit war ihr ver­gangen.

"Ja flüchtig." Knapp, abschließend kam ihre Antwort. Er stutz­te und verschwand mit einem bedauernden Blick in der Küche.

Gedankenverloren sah sie aus dem Fenster auf das bunte Treiben der Urlauber - Kiel, Edwins Fangflotte und sein rastloser Ehr­geiz, der ihrer Ehe endgültig den Garaus gemacht hatte und dieser charmante Kellner, der vor Jahren sogar Edwins Kunde hätte gewesen sein können. Nun gab es nur noch den undurch­schaubaren Streit ihrer Anwälte um das Vermögen. Ihr letztes Gespräch blitzte auf: "Eher bringe ich dich um als halbe, halbe zu machen."

Ihre Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Gott sei Dank, das Essen kam. "Guten Appetit" - mit einer eleganten Bewegung landete der Teller vor ihr auf dem Tisch. Ein köstlicher Duft stieg in ihre Nase, und mit neu erwachtem Appetit zerteilte sie den butterweichen Fisch. Noch ein Schluck Rotwein, und den scheußlichen Vormittag hatte es gar nicht gegeben. Ohne Vorwarnung verkrampften sich ihre Eingeweide, gefolgt von einer Welle heftiger Übelkeit. 'Die Toilette' signalisierte ihr Gehirn. Sie stieß den Stuhl zurück und lief los. Nachdem sie sich heftig übergeben hatte, blieb sie reglos sitzen. Gedanken­fetzen rasten durch ihren Kopf. Endlich stand sie benommen auf, spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und ging mit höl­zernen Schritten an ihren Platz zurück.

"Cameriere!" Der näherte sich mit hochgezogenen Augenbrauen. "Ich habe mich gerade übergeben, die Seezunge muss verdorben gewesen sein."

"Unmöglich. Der Fisch war fangfrisch." Sein Gesicht verzog sich ungläubig. Sie sah ihm fest in die Augen, die unstet wirkten. "Er war verdorben. Bitte räumen Sie ab." Ihre Stimme klang lau­ter, bestimmt und die Gäste am Nebentisch blickten irritiert herüber. Wortlos nahm er den Teller. Jeder Charme war aus Ge­sicht und Bewegungen verflogen. Mit einem hörbaren Geräusch rastete die Küchentür hinter ihm ein.

Entschlossen ergriff sie ihre Tasche und verließ mit immer noch leicht zittrigen Knien das Restaurant. Draußen atmete sie mehrmals tief durch. Hatte hier etwa ein unglückseliger Zufall Regie geführt? Oder war es nur ihr Magen gewesen, der auf die Aufregung der letzten Stunden überreagiert hatte?

Wie auch immer, ihr Hotelbett war jetzt das einzig Richtige - alles andere konnte warten.

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