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Der will nur spielen

Ein Sonntagnachmittag im Park. Büsche und Bäume stehen in voller Blüte, Amseln singen und die Enten auf dem Teich nehmen jeden, der vorbei geht, genau ins Visier: Hat vielleicht jemand ein Stückchen Brot dabei?

Ein Eichhörnchen hüpft durch das dichte Gras und sucht hektisch nach dem
Nussversteck des letzten Winters. Die Ratten unter dem Rhododendron sehen gesund und wohlgenährt aus, denn die Grillsaison hat gerade begonnen und die Abfalleimer quellen über.

Mit mir selbst im reinen schlendere ich dahin. Radfahrer überholen mich und ein paar Jogger ziehen ihre Runden. Auf der großen Wiese spielen Kinder Fußball. Die Tore haben sie provisorisch mit Stöcken abgesteckt. Von den Grillplätzen weht ein verführerischer Duft herüber: Die ersten Würstchen und Steaks des Tages werden gerade angegrillt. Ich biege in einen Seitenweg ein. Schlagartig wird es still und dämmrig. Die hohen, dichten Hecken dämpfen jedes Geräusch und die Bäume filtern das Licht. Es ist erstaunlich, wie allein und abgeschnitten man sich in einem Park voller Menschen fühlen kann.


Plötzlich sehe ich ihn auf mich zukommen: Groß, dunkel, zottelhaarig. Seine Augen glühen und er hat Pranken wie ein Bär. Mein Herzschlag beschleunigt sich, mein Magen krampft sich zusammen und meine Hände werden feucht. Hektisch schaue ich mich nach Hilfe um, doch ausgerechnet jetzt ist niemand ist in Sicht.

Jäh steht mir die Erinnerung an einen anderen Sonntag vor Augen: Der Stadtpark, ruhig und friedlich am frühen Morgen. Völlig konzentriert aufs Laufen, hatte ich den Übeltäter weder gesehen noch gehört. Als ich ihn bemerkte, war es zu spät.

Ich glaubte noch, jemanden rufen zu hören. Dann gab es einen heftigen Aufprall und ich wurde zu Boden geschleudert. Wie ein Verrückter fiel er über mich her, knurrte, grunzte, riss an meiner Kleidung. Sein Gesicht war dicht über meinem.

Ich sah gelbe, ungepflegte Zähne und heißer, fauliger Atem schlug mir ins Gesicht. Ich bekam keine Luft mehr. Der Schmerz war unerträglich. Schließlich wurde ich ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, blickte ich in grelles Licht. Ein Mann im weißen Kittel beugte sich über mich.

„Da haben Sie aber Glück gehabt“, sagte er. „Das hätte auch anders ausgehen können. Bis der Arm verheilt ist, wird allerdings einige Zeit vergehen.“ Ein Jahr, um genau zu sein. Gar nicht zu reden von Krankengymnastik und Reha. Das Klavierspielen musste ich aufgeben. Nicht einen Cent Schmerzensgeld habe ich bekommen. Und das Monster läuft weiter frei herum, irgendwo da draußen.

Jetzt ist er ganz dicht bei mir. Ich kann seinen keuchenden Atem hören. Die Zunge hängt heraus. Heftig mit dem Schwanz wedelnd, springt er an mir hoch. Hinter ihm schlendert seine Besitzerin, die Leine in der Hand.

„Keine Angst!“ ruft sie fröhlich, „der will nur spielen!“ Ich lache bitter, schiebe meinen rechten Ärmel hoch und halte ihr den Unterarm unter die Nase, auf dem zwei Reihen spitzer Zähne tiefe Narben hinterlassen haben. „Das hat der Besitzer von dem hier auch gesagt.“ Ich gehe weiter und lasse sie stehen, während sie mir offenen Mundes nachstarrt.

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