Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Irrsinn
Zufrieden betrachtete er sein Meisterwerk. Von außen sah es wie ein ganz normales kleines Päckchen aus. Braunes Packpapier, dunkelbraunes Klebeband und ein gelber Adressaufkleber der Post. Nichts deutete auf den unheilvollen Inhalt hin. Beim Öffnen des Päckchens würden sich blitzschnell Milzbrandviren in der Luft verteilen. Drei Minuten später würde eine Bombe Schrauben, Nägel und Glassplitter durch den Raum schießen. Er wollte sicher gehen, dass möglichst viele Menschen getötet wurden. Zumindest wollte er sie schwer verletzen. Zufrieden betrachtete er sein Meisterwerk. Sein Teil der Aufgabe war erfüllt. Seine Hände griffen zum Telefon. Die Nummer, welche er jetzt wählen musste, kannte er auswendig.
Dreißig Kilometer entfernt spielte Gahlib zur gleichen Zeit mit seinem Sohn Asad Fußball. Drei Monate waren sie erst in Deutschland. Gahlib genoss die friedlichen Stunden mit seiner Familie und studierte an der Uni Elektrotechnik. Irgendwann wollte er nach Afghanistan zurück und andere Menschen unterrichten. Sein großes Ziel - von dem noch nicht einmal seine Frau Aysha etwas wusste.
„Gahlib! Telefon!“, rief ihn Aysha. Gahlib eilte ins Haus. Mit einem Wink schickte er Aysha zu Asad hinaus. Er wollte nie beim Telefonieren gestört werden. „Ja. Ich habe verstanden. Heute 18 Uhr.“ Blass sah er zu seinen Lieben hinüber. Seine Vergangenheit hatte ihn eingeholt.
Gahlib verabschiedete sich kurze Zeit später. Aysha war besorgt gewesen. Sie ahnte immer, wenn er sich in Gefahr begab. Gahlib seufzte. Wenigstens war für seine Familie gesorgt, wenn ihm etwas passieren würde. Treffpunkt war die alte Kühlmannbrücke. Ein Mann wartete schon. Wortlos drückte ihm sein Gegenüber das Päckchen in die Hand und eilte fort. Gahlib stand allein auf der Brücke. Seine Hände zitterten. Nur nicht daran denken, ermahnte er sich. Es ist ein ganz normales Päckchen. Zu Hause versteckte er es in seinem Auto. Möglichst weit weg von seiner Frau und seinem kleinen Sohn.
Am nächsten Morgen fuhr Gahlib noch vor der Uni zu Post. Seine Finger trommelten auf das Lenkrad. Verfluchter Berufsverkehr. Endlich war er da. Auf den Weg zum Postschalter kamen ihm zwei Polizisten entgegen. Gahlib starrte nach vorn. Schweißperlen schimmerten auf seine Stirn. Die Polizisten grüßten Gahlib und gingen weiter. Niemand ahnte, was er in den Fingern hielt. Plötzlich wich die Angst. Gahlib spürte Macht. Er atmete tief durch und gab das Päckchen souverän auf. So lange es niemand öffnete, würde nichts passieren.
Auf den Weg zurück zum Auto pfiff Gahlib ein Kinderlied aus seiner Heimat. Seine Großmutter hatte es für ihn gesungen. Eine schwere Last war von seinem Herzen gefallen. Heute würde er nicht in die Uni gehen, sondern zur Feier des Tages seine Familie mit einem Zoobesuch überraschen. Er war frei. Bis zum nächsten Telefonat. Bis wieder seine Hilfe für den Kampf gebraucht werden würde. Doch daran wollte er jetzt nicht denken.
An einem Kiosk sah er auf dem Tagesblatt ein Foto, auf dem ein Mann ein kleines Mädchen auf den Armen hielt. Gahlib erkannte den Mann. Das Mädchen war seine Tochter. Für diesen Mann war das Päckchen bestimmt. Plötzlich spürte Gahlib einen Stich in seinem Herzen. Wenn alles klappte, würden die Augen des kleinen Mädchens in spätestens 30 Stunden nicht mehr leuchten.
Nur einen Moment später siegte der Drill der Ausbildungslager. Gahlib verdrängte den Gedanken. Sie war nur ein Opfer. Ein Opfer für seinen gerechten Kampf. Für die Freiheit seines Volkes.



