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Die Fahrscheinkontrolle

Herr Huggenberger ist ein rüstiger Pensionär und der größte Possenspieler im ganzen Land. Die Szene spielt sich in einem halbleeren Vorortszug einer Schweizer Stadt ab. Die meisten Leute sind im Besitz eines “Halbtax-Abos”, das sie zum Bezug von Fahrscheinen zum halben Preis berechtigt.

„Guten Morgen, Ihre Fahrkarte bitte!” Umständlich kramt er die Fahrkarte hervor.

„Danke vielmals!” Sie wendet sich dem nächsten Abteil zu.

„Sie – einen Moment bitte!”

„Ja, bitteschön?”

„Sie haben ja gar nicht mein Halbtax-Abo verlangt!”

Die junge Dame stutzt einen Moment und erwidert: „Ach, wissen Sie, Ihnen glaube ich ja, dass Sie eines haben!”

Herr Huggenberger grinst. „Ja nun, entschuldigen Sie vielmals, aber so einfach ist das nun nicht!” Er fährt belehrend fort: „Meine Fahrkarte ist nur zusammen mit einem gültigen Halbtax-Abo gültig. Da – sehen Sie!” Und er hält ihr den Fahrschein nochmals hin. „Da steht doch groß und deutlich ein ‘1/2’ drauf!” Er deutet mit dem Daumen seiner anderen Hand auf die betreffende Stelle.

„Na, dann zeigen Sie mir halt Ihr Halbtax-Abo”, mault die Frau ungehalten.

„Ja, das können Sie, das müssen Sie sogar, da kommen Sie gar nicht drum herum!” Und kramt lange in seinem Portemonnaie, während er sich ausmalt, was er ihr noch alles sagen würde. „Ich muss Sie aber schon sehr bitten!”, sagt er und blickt sie streng an. “Auf Ihren Glauben können Sie sich in Ihrem Beruf nicht verlassen, junge Dame!” Jetzt gibt er ihr sein Halbtax-Abo. „Sie wissen ja gar nicht, wieviel heutzutage gemogelt wird! Außerdem hat jeder Fahrgast das Anrecht auf eine ordentliche, vollständige und korrekt durchgeführte Kontrolle.” Dabei blickt er das Fräulein schulmeisterlich an. „So wie Sie einen gültigen Fahrschein verlangen, verlange ich auch eine gültige Kontrolle, ja?”

Die Kontrolleurin weiß nicht, was sie mit diesem albernen Herrn anfangen soll. „Na, so schlimm wird das doch nicht sein, ob ich Ihr Halbtax-Abo nun sehe oder nicht, oder?”

„Und ob! Natürlich ist das schlimm, und wie. So, das macht sechzig Franken für mich.”

„Wie bitte? Hören Sie mal, Sie sind wohl nicht ganz ...”

„Doch, doch, machen Sie sich da nur keine Sorgen. Sehen Sie – gleiches Recht für alle. Ungültige Fahrkarte macht sechzig Franken für die Bahn. Ungültige Kontrolle macht sechzig Franken für den Fahrgast. So einfach ist das ...”

„Wissen Sie was?”, sagt sie genervt. “Vielleicht sollten Sie einfach ein bisschen länger schlafen am Morgen!” Sie wendet sich zum Gehen.

„Ja, so leicht kommen Sie mir aber nicht davon!”, donnert Herr Huggenberger. „Wo kämen wir denn hin, wenn nicht ordentlich kontrolliert wird! Wie wollen Sie denn die schwarzen Schafe erwischen, wenn Sie sich nicht einmal bemühen, diese zu finden?”

Schaf passt, denkt sie. „Das lassen Sie mal schön meine Sorge sein, ja?”, fährt sie zurück. „Sie tragen ja keinen Schaden, ob ich Ihr Halbtax-Abo nun gesehen habe oder nicht! Wenn jemand keinen gültigen Fahrschein vorzuweisen hat, ist das was Anderes! Das kostet nämlich die Bahn was, weil sie die Person gratis transportieren muss!”

„Ja, da haben Sie vollkommen recht, aber wenn Sie nicht schauen, ob ich ein Halbtax-Abo habe, kostet das auch mich etwas – ich habe es dann nämlich umsonst gekauft!”

„Haben Sie nicht. Weil Sie ja eine halbe Fahrkarte gelöst haben. Da haben Sie ja Ihr Geld gespart. Das können Sie nur, wenn Sie im Besitz eines Halbtax-Abos sind ...”

„Aber kontrollieren müssen Sie das! Wie oft muss ich Ihnen denn das noch erklären? Beim Kauf des Fahrscheins fragt schließlich niemand danach. Es ist einzig und alleine Ihre Aufgabe, beim Kontrollieren der Fahrscheine auch den rechtmäßigen Besitz eines Halbtax-Abos...”

„Ach, sagen Sie mal, was ist Ihnen denn heute eigentlich über die Leber gelaufen ...?”

„Über die Leber? Gar nichts, wertes Fräulein, gar nichts! Meine Leber ist in mir drin, da kann niemand und nichts drüber hinweglaufen! Sie sind ja unlogisch!”

„Aber es kann Ihnen doch völlig gleich sein, ob ich Ihr Halbtax-Abo nun sehen möchte oder nicht!” Sie setzt den rechten Fuß nach hinten, denn der Zug fährt ruckartig wieder an.

„Ist es mir aber nicht. Weil ich meine Ordentlichkeit unter Beweis stellen möchte. Und Sie müssen die Ordentlichkeit besitzen, die Rechtsgültigkeit eines jeden einzelnen Fahrscheines zu überprüfen. So haben Sie’s in Ihrer Ausbildung ja gelernt, oder?”

Da fällt der jungen Frau etwas ein. „Wissen Sie was? Zeigen Sie mir doch nochmals Ihre Fahrkarte.” Gedehnt fügt sie hinzu: „Und Ihr Halbtax-Abo”. Sie nimmt beides in die Hand und lächelt. „Ich möchte Ihnen eine vollständige und gründliche Kontrolle nicht entgehen lassen, so wie Sie es wünschen”, sagt sie und blickt Herrn Huggenberger direkt an. „Sie hätten die letzte Station aussteigen sollen!” Der Triumph in ihrer Stimme ist nicht zu überhören. „Das hier ist Zone 5, Ihre Fahrkarte ist aber nur in den Zonen 1-4 gültig! Da – sehen Sie!” Sie deutet mit dem kleinen Finger ihrer anderen Hand auf die Bezeichnung der Zonen. „So, das macht sechzig Franken!” triumphiert sie. „Aber wissen Sie was? Wir sind jetzt ja quitt. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!” Und rauscht davon. Spielverderberin, denkt er sich, als er aussteigt.

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