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Wie uns der Dorfpolizist von Beeveren zu einer neuen Bleibe verhalf

Im Winter nach dem Kriegsende mussten wir Hals über Kopf aus Schlesien fort. Wo sollen wir bleiben?, wollten die aufgelösten Frauen von den Milizio-nären wissen, die uns auf dem Glatzer Bahnhof zusammentrieben und nur polnisch sprachen. Wo schafft ihr uns hin?, bestürmte der verfrorene Haufen die verrußten, mürrischen Gestalten auf der Lokomotive: Wohin schon - wenn ihr Glück habt, in den Westen! Damals, 1946, fiel Schnee bis weit in den März. Hans, pass ja auf Mäxchen auf, befahl unsere Mutter, dass er nicht ver-loren geht! Hans war schon sieben, ich erst sechs.

Es dauerte drei Wochen, bis wir Beeveren erreichten, ein Streudorf am Rand des Teutoburger Waldes, wo wir auf die umliegenden Bauernhöfe ver-teilt werden sollten. Wir waren viele - zu viele für die dünn besiedelte Gegend.

Um uns drei kümmerte sich der Dorfpolizist, ein stämmiger, älterer Mann mit einem Kürbisgesicht, von dem fast nichts zu sehen war; er hatte sich die Klappen seiner Fellmütze bis unters Kinn geschnürt. Es machte ihm keine Mühe, uns Leichtgewichte auf den Kastenschlitten zu befördern. Als er mich hochnahm, roch ich seinen Schnaps. Mutter verzog die Nase, als er sie über die Seitenwand hob. Solltest auch’n Klaren nehmen, Deernken, lachte er, dat wärmt! Ihren Koffer schwang er mit einer Hand zu uns herauf, die Kinder-rucksäcke kamen gleichzeitig geflogen. Er gab uns raue Pferdedecken und nahm breitbeinig Platz auf dem Bock. Hüh!, rief er und klatschte dem willigen Ackergaul die Lederzügel aufs Hinterteil.

Hüh! hieß auch: nach links! - bei Hott! ging es nach rechts. Kam ein Hügel, stieß er schnelle Zungenschnalzer aus; wenn es steiler wurde, knallte die Peitsche in die Luft, bis das braune Fell dampfte. Bald standen die Häuser nur noch vereinzelt, und von Beeveren sah man gerade noch die Kirchturmspitze.

Unser Schlitten glitt ins flache Bauernland. Zwischen schmalen Wald-stücken schlummerten Felder und Wiesen noch unterm Schnee, nur die Weidezäune ragten heraus: blinkende Eiskappen auf schiefen Holzpfählen. Die Gräben nahmen schon Schmelzwasser auf. Als wir einen Bach über-querten, der übers Ufer getreten war, spiegelten sich Sonne und Wolken: Endlich Sonne!, freute sich unsere Mutter und steckte die Nase ins Licht.

Dort sollt ihr wohnen!, rief der Dorfpolizist und zeigte mit der Peitsche auf ein großes Gehöft am Ende einer Pappelallee. Es sah aus wie in Mokrau am Rande der Schlesischen Ebene, wo wir während der letzten Kriegsmonate auf dem Land gelebt hatten, in einem gemütlichen Zimmer hinter der Bauern-stube, in der für alle gekocht und am langen Tisch gegessen wurde, und wo die Großen abends mit den Kleineren Karten spielten.

Auf dem Hof brachte er sich die Fellmütze in Ordnung und winkte uns auf die Diele, wo die Bauersleute warteten, und wo es warm war vom Vieh. Es roch stechend aus den Pferdeställen und nach Kuhmist. Von den Blatt-strünken gelber und roter Runkeln, die in der Mitte der Diele als Futter auf-gehäuft waren, stieg es sauer in die Nase.

Der Bauer, der alles überragte, zeigte auf zwei eingeschüchterte alte Leute: Wir haben doch schon welche aus Ostpreußen! Es ist kein Platz da, ich brauch die Kammer zum Füttern! Er zuckte mit seinem knochigen, verwitterten Gesicht. Donnerschlach! Heul nich!, fuhr er die Mutter an, die mir die Hand presste, dass es weh tat. - Alex, de Kinner!, warf die Bäuerin ein, die immer Plattdeutsch sprach. Aber den Ausschlag gab das Machtwort des Gesetzes-hüters, der auf seine Uniform pochte und lautstark mit einem Papier fuchtelte - einem Erlass der britischen Militärkommandantur, wie ich heute weiß.

Die heimelige Stube im Wohnhaus ist es nicht geworden. Es gab auch keine Spiele mit den Söhnen und Töchtern des Bauern am langen Tisch: Ein Hengst, drei Stuten und zwei Herbstfohlen, ein Bulle, vierzehn Milchkühe und sechs frische Kälber, zählte uns mein Bruder Hans die neuen, immer unruhigen Nachbarn vor. Aber der Dorfpolizist von Beeveren, erfahren im Umgang mit Kälte und amtlichen Erlassen, hatte uns für die Jahre der Kindheit einen Platz verschafft - eine ehemalige Häckselkammer hinter offenen Ställen am Ende einer niedersächsischen Diele.

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