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Die Versuchung

Es war im Mai.

An einem abgelegenen Plätzchen am Waldrand setzten wir uns auf eine Decke und packten den Proviant aus.

Es duftete nach Tannenwald, nach ersten Pilzen, nach Wiesenblumen.

„Wollen wir anstoßen?“ Eva erhob ihr Glas Wein und sah mich mit ihren blassgrünen Augen an. Die Gläser klirrten.

„Magst du ein Stück Käse?“ Als ob sie geahnt hätte, dass ich ausgerechnet jetzt in meinen Gedanken zu Hause war, versuchte sie mich abzulenken. Mein Kopf dröhnte vor Aufregung. Ich hörte mein Herz klopfen. Ich konnte an nichts Anderes denken, nur an ihre schlanken Beine, an ihren kleinen, fast kindlichen Busen.

Als sie im März zum ersten Mal mit ihrem tänzelnden Gang in unsere Anwaltskanzlei herein stolzierte, zog mich ihr elektrisierender Blick wie ein Magnet an. Die Frau ist zu haben. Die muss ich haben, dachte ich mir sofort.

„Wollen wir wieder unser Ratespiel spielen“, fragte sie mit ihrem schelmischen Lächeln. In der Kanzlei spielten wir es oft in der Mittagspause.

Auf ihrer Stirn erschienen Falten der Konzentration:

„Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.“

Ich schwieg und starrte nur auf ihren kleinen, feuchten Mund.

„Mark Twain, ein Punkt für mich“, lachte sie etwas nervös.

„Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben.“ Ihre Stimme wurde diesmal melodiöser, etwas verträumt.

Wieder schwieg ich wie ein Narr.

„Goethe, Goe-theee!!! - Ein zweiter Punkt für mich!“ Sie rieb sich die Hände und fuhr fort.

„Jetzt passt du aber gut auf : „Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß, ob sie wiederkommen.“

Sie hielt ihre Stimme in der Schwebe und wartete auf meine Antwort.

Ich schwieg, sah nur ihren zierlichen Körper unter dem dünnen pastellfarbenen Sommerkleid, das unten weit aufgeknöpft war.

„Oscar Wilde“, sagte sie triumphierend und fuhr sich übers Gesicht, auf dem mir die ersten Sommersprossen auffielen.

Warum konnte ich mit meiner Frau nur über Kinder sprechen?

„Ich... ich ergebe mich, du hast gewonnen“, stammelte ich endlich etwas.

„Du weißt, dass ich mir jetzt meinen Preis holen werde?“ Sie legte sich mit einer geschmeidigen Katzenbewegung auf die Decke, schloss die Augen und flüsterte mir zu:

„Du nimmst mich jetzt sofort!“

Ich sah mich schnell um, zerrte an meinem Jeansgürtel...

In dem Moment klingelt mein Handy.

„Ich muss rangehen.“ Genervt drehte ich mich zur Seite.

„Papa, wann kommst du endlich nach Hause? Du hast mir doch versprochen...“

Verdammt, wie konnte ich das bloß vergessen haben!

„Ich hab es auf keinen Fall vergessen, aber manchmal muss ich eben etwas länger arbeiten.“ Ich schaute kurz auf meine Uhr.

„Wir schaffen es aber noch. Ich hole dich in einem Stündchen ab und wir fahren direkt ins Kino, und dann auf ein Eis, O.K?“ Jan plapperte noch etwas in den Telefonhörer.

Im Hintergrund vernahm ich Marions Stimme. An ihrem Handy stritt sie gerade mit jemandem. Gereizt ist sie in letzter Zeit geworden, sehr gereizt... Wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal geküsst?

„Warte mal, ich hab noch eine tolle Idee: Wir nehmen die Mama mit. Was hältst du davon?“

„Cool“, schrie er frech ins Telefon.

„Bis bald, mein Herzchen, ich hab dich lieb!“

Mir wurde es plötzlich peinlich. Eva sah mich mit großen Augen an. Ich setzte die Brille auf, schaute noch einmal auf die Uhr und schwieg. Mein Herz hatte sich wieder beruhigt.

„Ich - hasse - dich“, schrie sie wie eine Furie, sprang auf und rannte davon.

„Versuch mich doch bitte zu verstehen!“ Sie drehte sich aber nicht mehr um, verschwand im Dunkel des Waldes.

Ich setzte mich ans Steuer. „Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.“ Dürrenmatt, antwortete ich mir selbst und gab Gas. „Harry Potter“ ging in einer Stunde los.

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