Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Wiedersehen
„Doch zu viel gekauft!“ ruft sie ihr fröhlich zu, schon von weitem. Der kleine Plastikbeutel baumelt am linken Arm, mit der rechten Hand sucht sie Halt am Gartenzaun. Seit einigen Wochen wohnen sie Haus an Haus. Wie alt sie sie
schätzt, wollte sie schon bald von ihr wissen und die lachenden, immer noch unbebrillten Augen hatten Anna mehr als alles andere an Oma Mielchen erinnert.
Annas Not, den neuen Räumen die eigene Duftmarke zu geben, die Fremden zu vertreiben, die alles gebaut hatten, der Versuch, neu zu wurzeln, die Illusion zu nähren, jetzt, diesmal bleibt sie für immer.
Erforderliches tun und lassen, unendliche Tage damit füllen und oft genug auch schlaflose Nächte.
Wie für die letzten Zuhause, immer wieder ein neues.
Der Blick nach innen gewandt – Vertrautgewesenes schon weg, das Neue noch nicht da.
Veränderungsroutine. Niemandsland.
Dann, mit der Zeit doch der Wandel – Mauern geben ein zartes Echo, Hunde suchen
sich ihre Bäume, Autos parken zur gleichen Zeit an gleichen Plätzen, Lichter gehen an und wieder aus, Menschen zeigen Gesichter.
Die Welt rundet sich wieder.
Der Blick öffnet sich wieder.
Gleich am ersten Tag hatte Anna sie wahrgenommen, ihr vielleicht sogar zuge-lächelt.
Und dann stand sie jeden Tag dort vor der Tür, die alte Dame. Machte eine Pause, bevor sie die Stufen ins Haus schaffte.
Sie ließ sich von nichts abhalten, nicht von Wind und Regen, nicht von ihren 92 Jahren. Sie kam vom Einkauf und sie trug immer schöne Hüte.
Oma Mielchen hatte fast nie Hüte getragen. Schon gar nicht, wenn sie zum Einkauf ging. Ihren einzigen hatte sie zuletzt getragen, als sie ihren Mann begraben musste. Der Mann, der ihr elf Kinder beschert hatte. Der schon schimpfte, wenn sie
zum Brotkaufen ging. Brot für 13. Diese eigene kleine Zeit, die immer zu kurz, immer
zu wenig war. Der Weg zum Bäcker, das war ihrer.
Nur einmal wollte sie die älteste Tochter besuchen, die, die es in die Ferne verschlagen hatte. Zwei Tage in die Eifel und 60 km weg von Bonn, da kam
sie fast um vor Heimweh und musste noch am selben Tag wieder zurück.
Oma Mielchen trug keine Hüte. Oma Mielchen trug eine geblümte Kittelschürze, vergraut und verblasst wie die schütteren Haare, die sie immer noch zu einem mageren Zopf band. Der Bauch unter der Schürze war der dickste, wärmste, weichste in Annas Kinderzeit. Der, an den sie sich anlehnte, so lange sie nur bis zum Nabel reichte, der, der Schutz und Wärme bot, der einzige.
Wie ein Federbett im Winter.
Oma Mielchen besaß nichts. Außer ihren elf Kindern, von denen zwei Söhne den Krieg nicht überlebten. Und ihre Enkel.
Ihr Luxus bestand aus einem Glas Wasser mit zehn Tropfen Klosterfrau Melissen-geist vor dem Schlafengehen – und oft genug reichte es nur für warmes Zuckerwasser.
Sonntagskuchen, dessen Duft die winzig kleine Küche sprengte, in der alle einmal Platz gefunden haben mussten, der war immer da. Für jeden, der kam und Oma Mielchen besuchte.
Sie besaß nichts - Anna war sie alles.
Als Oma Mielchen starb, war Anna 14, und sie war kein Kind mehr. Sie hatte schon lange keinen Schutz mehr gesucht an dem warmen, weichen Bauch. Mit 14 lagen Annas Träume in Schutt und Asche und sie versuchte, sich daraus ein Haus zu bauen, in dem sie leben könnte. Als Oma Mielchen starb, glaubte Anna, auch ihr Herz bliebe stehen.
Die alte Dame mit den schönen Hüten, sie geht täglich zum Einkauf.
Sie wohnt in der Straße, in der Anna von einem Zuhause träumt.
Als gestern ein Rettungswagen vor ihrem Haus stand, blieb Anna fast das Herz stehen.
Aber die alte Dame stand vor der Tür. Machte eine Pause, bevor sie die Stufen ins Haus schaffte.



