Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
An einem heißen Sommertag
„Und? Welchäs is Ihne?“, fragt mich die Frau, kaum dass sie ihren massigen, schwitzenden Körper auf die letzte schattige Bank des Spielplatzes gehievt hat. Direkt neben mich. Dabei nickt ihr Kopf in Richtung der spielenden Kinder.
„Die Sechsjährige mit den hellbraunen Locken dort hinten an der Schaukel.“ Ich zeige auf das Mädchen mit weißem T-Shirt und pinkfarbenem Stufenrock.
„Na, dänn kümmt Ihr Tochtä auch diese Sommä in die Schul?“ Neugierig taxiert die Fremde meine Tochter.
„Nach den Sommerferien“, antworte ich. Ein säuerlicher Schweißgeruch kriecht langsam in meine Nase. Dezent rutsche ich ein Stück weiter an den äußersten Rand der Bank.
„Meene is die Kleene uff de Rutsch“, schnauft die Frau. Voller Stolz deutet sie auf ein schmales, blondes Mädchen in einem hellblauen Jogginganzug aus nass glänzender Synthetik.
„Meine Güte. Die arme Kleine muss ja umkommen bei der Hitze“, schießt es mir durch den Kopf.
„Die Laura kümmt nach de Feriä uff de Robert-Blum-Schul. Und Ihrä?“ Fragend schaut mich die Frau an.
Ich schiebe die Sonnenbrille tief auf die Nase. Dann krame ich die mitgebrachte Zeitung aus meinem Rucksack. „Nidda-Schule“, antworte ich einsilbig.
„Na, die hat abbä nen´ schlimmä Ruf.“
„Wie meinen Sie das?“, erwidere ich.
„Na, da gehe die vielä Ausländä hin“, nuschelt die Andere. „Die sprechä gaa keen Deutsch.“
Ich schnappe hörbar nach Luft. „Das stimmt aber so nicht ganz. Viele ausländischen Kinder sind hier geboren und sprechen ziemlich gut Deutsch“, halte ich dagegen. „Und für alle anderen gibt es die Vorklasse.“
Langsam beginne ich mich zu ärgern. Demonstrativ drehe ich den Kopf von ihr weg. Stattdessen winke ich meiner Kleinen zu, die gerade in Windeseile die Kletterwand hoch stürmt, um auf der anderen Seite an der Metallstange wieder herab zu rutschen. „Ganz schön sportlich. Aber immer gut festhalten!“, rufe ich ihr zu.
„Na, des asozial Pack! Mit dene will isch net zu schaffe habbä. Und de Laura aach net.“, stachelt die Frau weiter. Mit einer unbeholfenen Bewegung wischt sie sich die Schweißtropfen ab, die von ihrer Stirn perlen.
Ich verkneife mir eine bissige Reaktion.
„Mami, trinkä!“ Die Tochter der Frau kommt zu unserer Bank. „Isch hab Durscht.“
„Um Gottes Willen.“ Gerade noch kann ich mein Entsetzen zurückhalten. Dort, wo in der Regel weiße Zähne blitzen, befinden sich bei dem Mädchen schwarze Stummel. Sämtliche Schneidezähne sind bis zur Wurzel abgefault.
„Hier ist dein Cola.“ Die Dicke reicht ihrer Tochter eine rote Plastikflasche mit Sportler-Trinkverschluss.
Die Gunst der Stunde nutzend, verstecke ich mich hinter der Zeitung.
„Na, die radikale Mohammedanä lasse scho die kleene Mädels Kopftüchä trage. Und schäbisch sehe die immä uss.“ Die Frau lässt nicht locker.
„Ach wirklich?“, gebe ich zurück. Insgeheim denke ich: „Blöde Schnepfe.“
Die Fremde setzt noch ein Tüpfelchen oben drauf: „Wer wees, ob derä da net unsä Kindä auf blöd Gedankä bringe?“
„Jetzt reicht es mir aber mit Ihren platten Sprüchen. Sie wissen offenbar nicht, wovon Sie sprechen.“ Ich stehe auf und packe meine Zeitung, Wasserflasche und Apfeldose in den Rucksack.
„Hä?“ Die Fremde schaut mich verständnislos an.
„Sie haben es gerade nötig, zu lästern. Sie sprechen selbst kein richtiges Deutsch – im Gegensatz zu manchen Muslimen.“, schleudere ich ihr entgegen.
„So ne Frechheit. Hast du etwa mit derä da zu schaffe?“ Die Frau wechselt zum Du.
„Komisch. Dass die Leute einen immer duzen, wenn sie dich beleidigen wollen“, kommt mir in den Sinn.
„Jasmin, äji andi. Yalla! – Komm zu mir, Jasmin. Wir gehen.“, rufe ich meine Tochter auf Arabisch. Ein Erbe, das sie ihrem arabischen Vater verdankt. Federnden Schrittes kommt sie auf mich zugelaufen, dass ihr kurzes Röckchen nur so wippt. Ich werfe der Dicken, die ausnahmsweise einmal sprachlos bleibt, einen letzten Blick zu.
„Wenn Sie das nächste Mal vom Leder ziehen, sollten Sie sich vorher vergewissern, mit wem Sie es zu tun haben.“ Nach diesen Worten drehe ich mich um und gehe – meine Tochter hinter mir herziehend.



