Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Rinderfilet
„Los, Alte, spuck endlich aus, wo du deine gesparten Kröten versteckt hast!“ Das kalte Metall seines Revolvers kam ihrem von Falten durchzogenen Gesicht bedrohlich nahe.
Elsbeth hatte gerade mit dem Abwasch anfangen wollen, als der Mann durch die offene Terrassentür in ihre Küche einge-drungen war und sofort begonnen hatte, mit dem Revolver vor ihrer Nase herumzufuchteln.
„Ich sagte Ihnen doch bereits, dass ich nie viel Bargeld im Haus habe. Dort in der Schublade liegt mein Portemonnaie. Nehmen Sie es und verschwinden Sie.“
Elsbeth saß auf der vordersten Kante des Küchenstuhls, nur einen Schritt von der Tür entfernt. Ihre schmalen Finger kneteten nervös die Haut ihrer Hände, die aussah wie zer-knittertes Pergamentpapier.
„Dein Taschengeld interessiert mich nicht.“ Die begriffs-stutzige Alte ging ihm langsam auf die Nerven.
„Ich habe wirklich nicht mehr Geld im Haus. Sehen Sie doch selbst!“ Elsbeth erhob sich, um ihm das Portemonnaie zu zeigen.
„Setz dich hin und mach keine Zicken!“, herrschte er sie an. Seine Stimme hatte einen bedrohlichen Ton angenommen.
Erschrocken wich Elsbeth zurück auf den Stuhl.
„Nicht dahin, auf die Küchenbank!“
Kraftlos sank Elsbeth auf das gepolsterte Küchenmöbel. Hier hatte ihr Erich immer gesessen. Achtunddreißig Jahre lang hatte sie ihm jeden Morgen das Frühstück gemacht. Acht-unddreißig Jahre lang hatte er jeden Morgen ein liebes, an-erkennendes Wort für seine Frau gefunden. Die ganzen Jahre
über hatten sie gespart und jeden Pfennig zwei Mal umge-dreht, damit sie es im Alter gemeinsam schön hätten.
„Oder hast du den Zaster in kleine Portionen zerlegt?“ Seine rohe Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Ihr alten Leute kommt doch manchmal auf so komische Ideen.“
Während er sprach, stützte der Kerl sich mit seinen Pranken auf dem Küchentisch ab. Fauliger, nach billigem Fu-sel stinkender Atem schlug Elsbeth ins Gesicht. Als sie nur angewidert ihren Kopf wegdrehte, ohne ihm zu antworten, wandte der Mann sich um und begann, die Hängeschränke zu durchwühlen.
„Alte Weiber wie du haben ihren Sparstrumpf doch meistens hinten im Küchenschrank versteckt, oder?“
Es klirrte schrill in ihren Ohren, als er die Tassen aus feinem chinesischen Porzellan grob an die Seite drückte.
Elsbeths Blick fiel auf die unaufgeräumte Spüle neben sich. Heute Mittag hatte sie sich ein kleines Stückchen Rin-derfilet gegönnt.
Lautlos sackte er auf die gebohnerten Küchenfliesen. In einem Krimi hatte Elsbeth gelesen, dass das Messer von unten
nach oben geführt werden musste, damit es von hinten zwi-schen den Rippen direkt ins Herz gestoßen werden konnte. Sie war selbst erstaunt, wie leicht es gegangen war.
Elsbeths Blick glitt verächtlich über den leblosen Kör-per, der zu ihren Füßen lag. Taxierend hielt sie das scharfe Steakmesser in der Hand. Wenn sie an den richtigen Stellen ansetzen würde…? So einen wie den würde sicher niemand ver-missen. Die Isolierung zwischen den Dachbalken hatte sie schon lange ausbessern lassen wollen.
Mit einer fast zärtlichen Geste stellte Elsbeth die Kaf-feebüchse, die der Eindringling gerade hatte öffnen wollen, auf ihren Platz hinten im Küchenschrank zurück.



