Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Prost Weihnachten
Olivia war mit ihrem kleinen Renault im dichten Schneetreiben unterwegs. Aus den Lautsprechern quäkte der Radiomoderator: „Und nun spielen wir für Sieglinde aus Herne, die ihren Schatz auf der Heimfahrt grüßt, Driving home for Christmas von Chris Rea.“
Olivia rollte mit den Augen. Sie konnte diesen Song nicht mehr hören. Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit wurde er auf allen Kanälen 'rauf und 'runter gespielt. "I can`t wait to see those faces", konnte sie wirklich nicht behaupten.
Sie malte sich aus, dass aller Voraussicht nach alles wieder wie jedes Jahr ablief. Ihre Mutter hatte wahrscheinlich wieder die Wochen vorher damit verbracht, alle Geschenke voller Vorfreude einzupacken. Auch, die, die sie selbst bekäme. Für ihr überraschtes und erfreutes Gesicht, wenn sie diese wieder vor versammelter Mannschaft auspackte, hätte sie eigentlich einen Oskar verdient.
Sicher ginge die Familie auch dieses Jahr wieder in die Kirche. Es war schon komisch. Die Eltern hatten mit Kirche eigentlich nichts am Hut, aber an Weihnachten machten sie das komplette Programm durch. Letztlich ging es dann später unterm Tannenbaum auch gar nicht um den Inhalt der Predigt, sondern nur darum, wen man in der Kirche gesehen hatte.
"Stell dir vor, Gerlinde saß ganz hinten, kein Wunder. Hast du gesehen, dass der Sohn nicht dabei war? Die sollen ja total verkracht sein. Die Schmach will sie natürlich nicht ertragen, dass es alle aus dem Ort mitbekommen."
So gesehen war es nicht schlimm, wenn die Predigt unterdurchschnittlich ausfiel. Olivia erinnerte sich mit Gänsehaut ans letzte Jahr. Nicht nur, weil in der Kirche arktische Kälte geherrscht hatte, sondern auch, weil der Pastor für ihren Geschmack am Thema vorbei geschrammt war.
Hoffentlich erzählt der Pastor nicht wieder so einen esoterischen Dreck, dachte sie.
Der Pfarrer hatte auf sie den Eindruck eines Motivationstrainers gemacht und die These aufgestellt, dass Maria und Josef und auch die heiligen drei Könige in uns allen wären. Das wären dann Seele, Körper und Geist. "Ja und in manchen von uns ist auch der Esel“, sagte Olivia zu sich selbst.
Mittlerweile hatte die Dämmerung eingesetzt und als Olivia in die Straße ihrer Kindheit einbog, erwartete sie ein hell erleuchtetes Haus, das der Landebahn eines Flughafens Konkurrenz machen könnte. Ihr wurde mulmig, als sie sah, dass das Haus komplett im Dunkeln lag. Seltsam. Das konnte doch nicht sein. Gab es einen Stromausfall? Sie parkte den Wagen und stieg aus. Nicht nur, dass die Beleuchtung nicht aktiv war, es war auch keinerlei Dekoration am Haus zu sehen. Sie betrat das Haus und ging in die Küche. Auf dem Küchentisch lag ein Brief. Ihre Eltern teilten ihr und ihrem Bruder mit, dass sie beschlossen hatten, in diesem Jahr alles anders zu machen. Sie hatten keine Lust mehr, ihr Gemaule an Weihnachten zu ertragen und somit am Vortag beschlossen, in ihre Hütte in die Berge zu fahren. Sie bedauerten, dass sie sie nicht erreicht hatten und wünschten beiden ein frohes Weihnachtsfest.
Olivia war völlig überrascht. So sehr ihre Eltern sie mit dem Weihnachtsgetue nervten, so irritiert war sie auch, dass diese in der Lage waren, mit ihren festgefahrenen Gewohnheiten zu brechen.
Als sie sich von ihrem ersten Schock erholt hatte, ging sie in den Weinkeller, suchte sich einen schweren Rotwein aus und trank mit einem "Prost Weihnachten" auf ihr Wohl.



