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Das schwarze Schaf

Der Sommer war viel zu kühl. Es war August und Sondra musste eine Jacke überziehen, um nicht zu frieren. Sie trat auf die Straße, aus der schwülen, mit Essensdüften getränkten Luft der Kneipe in die Frische der Nacht. Endlich konnte sie eine Zigarette anzünden. Sie würde aufhören zu rauchen, sobald das Päckchen leer war, also noch sechs Zigaretten. Sie wusste schon im gleichen Augenblick, in dem sie sich das vornahm, dass sie es, wie immer, nicht schaffen würde. ´Na ja, man kann sich auch selbst belügen` dachte sie, ´man braucht nicht immer einen Mann dazu`. Sie spürte, wie sich ihr Gesicht zu einem ironischen Lächeln verzog.

Das Gespräch mit ihrem Auftraggeber war so verlaufen wie sie es sich vorgestellt hatte. Er dachte, wenn er sich als „John“ vorstellte, würde Sondra nicht herausfinden, wer er wirklich war. ´Für wie dumm halten eigentlich Männer Frauen?` fragte sie sich. Sein Foto war erst vor einer Woche in der Tageszeitung erschienen, er war der angesehene Lokalpolitiker Barry Mitchell. Sein Auftrag, für den er Sondra 150.000 $ angeboten hatte: seine Frau zu töten. Sondra hatte angenommen. Das Geld würde in den nächsten Tagen auf ihr Konto in Nassau eingehen. Sobald sie die Empfangsbestätigung der Bank vorliegen hatte, sollte sie die Frau töten. Wie, das war ihr überlassen. Sondra kramte in ihrer Tasche, irgendwo in einem Fach dieses Riesendings musste sich das Foto der Frau verborgen haben. Als sie es gefunden hatte, betrachtete sie es lange im Schein einer Straßenlaterne, prägte sich jede Einzelheit ihrer Gesichtszüge ein.

Die Tage bis zum Geldeingang verbrachte Sondra sinnvoll. Sie sammelte alle offiziellen Informationen über den Mann der dachte, niemand würde ihn erkennen. Zugegeben, im schummrigen Licht der Kneipe hatte Sondra anfangs ihre Zweifel, aber nachdem sie einen Stapel Zeitungen durchblättert hatte, war sie sicher, Mitchell erkannt zu haben.

Seine Frau Anita hatte das Geld in die Ehe gebracht, sein Schwiegervater war der beliebte Senator Thomas Baldwin.

Eine Scheidung würde Mitchell finanziell, politisch und gesellschaftlich ruinieren.

Der inoffizielle Teil ihrer Nachforschungen war beschwerlicher. Sie fand nach einigen Beschattungsaktionen heraus, dass Barry Mitchell eine junge, viel zu junge, Geliebte aushielt. Das Mädchen - denn älter als 19 Jahre war sie nicht -, hätte seine Tochter sein können, war albern, kicherte bei jedem von Barrys Sätzen und himmelte ihn an.

Sie klimperte mit ihren langen Wimpern und schüttelte verführerisch ihr langes, blondes Haar sobald Barry sie ansprach. Ihre Oberweite machte ihren offensichtlich mangelnden Intellekt locker wett. Dass da ein Mann in seinem Alter und seiner Position zu jeder Dummheit fähig war, konnte nur ein anderer Mann verstehen, nicht aber Sondra. Sie fragte sich, was Barry wohl mit diesem hirnlosen Wesen anfangen würde, sobald der Reiz des Verbotenen verflogen, seine Frau tot und sein Hirn wieder betriebsbereit war.

Barry war überzeugt, die Killerin getäuscht zu haben. Sie würde nie herausfinden, wer er war, in der Kneipe war es viel zu dunkel gewesen um ein Gesicht richtig zu erkennen. Außerdem hatte er seine sonst grauen Haare schwarz gefärbt und diese neumodischen farbigen Kontaktlinsen getragen. Die Transaktion der Gage hatte vor zwei Tagen stattgefunden und er erwartete stündlich den Anruf der Polizei, die ihm den Tod seiner Frau mitteilte. Müde stieg er aus seinem Fahrzeug und ging auf die Haustüre zu. Es brannte Licht, er fühlte eine leichte Enttäuschung. Anita lebte also noch.

Er trat ins Wohnzimmer, Anita stand am Kamin und sprach mit jemandem. Als sie ihn hörte, drehte sie sich zu ihm und rief mit einem strahlenden Lächeln:

„Schatz, wir haben Besuch! Ich stelle vor: das schwarze Schaf der Familie, die Ausreißerin, die Verschollene: meine Schwester Sondra!“

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