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Flucht

Constantijn rannte, Angst und Verzweiflung trieben ihn vorwärts, obwohl seine Beine immer kraftloser wurden. Sein Herz raste und hinter den Schläfen pochte es schmerzhaft. Voller Panik schaute er sich nach einem Versteck um. Dieses Mal musste ihm die Flucht gelingen. Noch einmal würde er die Schläge und Quälereien nicht durchstehen. Auch der Hunger würde ihn nicht zurücktreiben wie den kleinen Dan, der nach  zwei Tagen wieder vor der Tür stand und schrecklich bestraft wurde. Alle mussten zuschauen, zur Abschreckung, wie die Männer sagten.

Gerade, als er glaubte, keinen Schritt mehr weiterlaufen zu können, ging neben ihm eine Haustür auf. Der Mann, der herauskam, schaute etwas verdutzt, reagierte aber nicht weiter, als Constantijn an ihm vorbei ins Haus schlüpfte. Scheinbar suchend blieb dieser vor den Briefkästen stehen und wartete, bis die Haustür hinter dem Fremden wieder ins Schloss gefallen war. Mit weichen Knien ging er ein paar Stufen hinab und kauerte sich unter der Treppe auf den Boden. Seine Anspannung fiel von ihm ab und sein Atem ging bald wieder ruhiger. Nur ein leichtes Bohren im Magen erinnerte ihn daran, dass er an diesem Tag noch nichts gegessen hatte, doch ihn plagten andere Sorgen.

Constantijn hatte seine Flucht nicht geplant, eine Gelegenheit, die sich ihm überraschend bot, wahrgenommen, ohne zu überlegen, was danach kam. Er kannte niemanden in dieser großen deutschen Stadt. Die Kinder wurden alle paar Monate woanders hin gebracht . Immer wieder verschwanden einzelne und andere stießen dafür zu der kleinen Gruppe. Freundschaften gab es nicht. Keiner vertraute dem anderen, sie waren Konkurrenten, ausgebildet zu Taschendieben.

Die Kinder lebten unter strenger Kontrolle des Chefs und seiner Helfer und in ständiger Angst.

Constantijn hatte nur einen Wunsch, er wollte wieder nach Hause in sein Dorf in Rumänien, wieder bei den Geschwistern und Eltern sein, die den Lügen von einer Schul- und Berufsausbildung geglaubt

hatten. In ihm reifte ein Entschluss. Er würde direkt zur Höhle des Löwen laufen, in das Gebäude flüchten, vor dem die Männer die Kinder am meisten gewarnt hatten. Die Polizei musste ihm helfen, wieder nach Hause zu kommen.

Der Junge kroch aus der schützenden Ecke hervor und ging die wenigen Stufen nach oben. Vorsichtig öffnete er die Haustür, schaute sich um und lief dann entschlossen los. Er kannte den Weg zum Präsidium, oft genug waren sie daran vorbei gekommen. Noch zwei Querstraßen lagen vor ihm, fast hatte er es geschafft. Plötzlich sah er zwei seiner Peiniger auf sich zu kommen und auch sie hatten ihn entdeckt, verständigten sich mit Blicken. Der Weg nach vorn war ihm versperrt. War nun alles aus, so kurz vor dem Ziel?

Auf der anderen Seite der vierspurigen Fahrbahn sah er das Polizeigebäude schon zwischen den Bäumen aufragen. Voller Panik sah Constantijn nur noch einen Ausweg. Er rannte los. Erschreckte Autofahrer konnten ihm gerade noch ausweichen, eine Fahrspur hatte er schon geschafft. In der Gegenrichtung war eine kleine Lücke zwischen den in zwei Reihen fahrenden Autos. Ohne weiter nach links oder rechts zu schauen, hetzte er darauf zu. Da fühlte er einen heftigen Stoß in der Seite, etwas riss ihn zu Boden, ließ ihn nicht los und schleifte ihn mit. Ein grässliches Quietschen gellte in seinen Ohren. Auch der Straßenbahnführer war machtlos, schreckensbleich konnte er dem Geschehen nur viel zu langsam Einhalt gebieten.

Constantijn fühlte keinen Schmerz, nur ein tiefes Schweregefühl. Plötzlich war alles ganz leicht, er schwebte. Er war wieder zu Hause im Land seiner längst verloren geglaubten Kindheit.

Seine große Sehnsucht hatte sich erfüllt.

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