Kurzgeschichtenwettbewerb 1 / 2008
1. Elisabeth Wolfert – Alltag
Über klaren Dialog und pointierte Beschreibungen führt uns Wolfert in die Gedankenwelt einer Frau, die sich einer enttäuschten Erwartung stellen muss. In der Hoffnung, durch die Trennung zu einer liebevolleren Beziehung zu kommen, muss sie erleben, dass Ihr Exmann derjenige ist, dem es besser geht. Zum zweiten wirft der Text die Frage auf, was ein Wochenend-Vater seinen Kindern zu bieten hat außer Spaß. Wer den Alltag organisiert, wird nicht mit strahlenden Augen belohnt, sondern mit einem sauren Apfel.
2. Cathrin Lichtenberger – Unverhofft kommt oft
Die Hauptfigur will nur in Ruhe gelassen werden. Wie schnell es geht, dass wir von anderen manipuliert und beeinträchtigt sind, ohne uns dagegen wehren zu können, zeigt Lichtenberger mit kafkaesker Ausdrucksweise und in knapper Form, die das Wesentliche des Themas transportiert.
3. Daniel Theel – Traumlos
Ein Mann verfällt in tiefe Depression, nachdem seine Frau ihn verlassen hat. Theel lässt uns teilhaben an einem Trennungsdrama, das sich ausschließlich über die fein beschriebenen Gefühle der Hauptfigur offenbart. Ganz ohne die üblichen Klischees gelingt es ihm dabei, die sich langsam aufbauende innere Erneuerung des Trauernden zu schildern.
4. Regine Schaaf Wetter – Boot fahren, Boot fahren
Surreal wird der Text erst am Schluss, aber das Unheimliche und Seltsame brodelt von Anfang an zwischen den Zeilen. Die Autorin lässt behutsam das Unbehagen beim Leser anwachsen, bis er frierend zurückbleibt. Besonders gut gelungen in dieser Arbeit ist das Halten der Waage zwischen Realität und Fiktion.
5. Agatha Arnold Forster - Das Ende eines Ausflugs
Geheime Wünsche und Sehnsüchte offenbaren sich manchmal in den unwahrscheinlichsten Situationen – ein Papagei löst bei einem Menschen die Erinnerung an ein traumatisches Kindheitserlebnis aus, das er auf eine Weise verarbeitet hat. Was genau damals geschah, bleibt dem Leser verborgen. Wie Forster über kleine hingeworfene Andeutungen die Vermutung eines Verbrechens anschiebt, ist meisterlich gelungen.
6. Gloria Otto – Die Löwin und das Lamm
Wer hat nicht schon einmal daran gedacht, sich einem Fremden sofort und einfach hinzugeben, sich nicht von Tabus und Moralvorstellungen blockieren zu lassen? Otto gibt dieser Fantasie einen vorstellbaren Rahmen und erzählt dabei so frisch und lebendig, dass der Leser meint, sich selbst zu verlieren. Mit lebendigen Beschreibungen und pointiertem Dialog gelingt es der Autorin, diese unwahrscheinliche Situation real werden zu lassen.
7. Thomas Trächslin – Die Birke
Wie oft wir Irritationen im faden Alltag fehlinterpretieren, legt der Autor mit humorvollem und leise ironischen Ton frei. Dabei bedient er sich der Erwartungshaltung des Lesers, der sich im kleinen Angestellten im großen grauen Alltag wieder findet. Aber sie wird, wie so oft, nicht erfüllt – nur dieses Mal verkehrt sich etwas ins Positive, was wieder einen Fluss von Negativem nach sich zieht: ein Kreislauf, den Trächslich klar schildert.
8. Ulrike Eigenberz – Praktikum
Eine fast absurde Situation entblößt einen urmenschlichen Instinkt: junges Leben muss erhalten bleiben, auch wenn es nicht zur eigenen Art gehört. Mit frischer Sprache, klarem Konzept und ausgezeichnet konzipierten Dialogen gelingt der Autorin eine klassische Kurzgeschichte und zeigt in der Knappheit echtes Können.
9. Gabriele Asmuth - Strickstrumpf mit roten Karos
Geschickt verwebt die Autorin drei Sichtweisen auf ein erschütterndes Erlebnis: aus der Distanz der Erzählerin über die erzählte Geschichte einer Protagonistin zum Erlebnis eines Mannes, der in der Rahmenhandlung gar nicht vorkommt. So deckt sie unsere Wahrnehmung von Krieg und Leid auf: aus der Distanz lassen wir den Terror gern woanders bleiben, weil er nichts mit uns zu tun hat.
10. Ingeborg Bayer-Born – Annas großer Traum
Bayer-Born gelingt es, eine Geschichte für Kinder und Erwachsene gleichermaßen zu erzählen und die Themen Wunsch und Wirklichkeit klar herauszuarbeiten. Einfühlsam begibt sich die Autorin über liebevolle Detailarbeit in die Seele des Kindes und deckt so unerbittlich auf, dass Enttäuschung sich für ein Leben lang einnisten kann. Diese Erkenntnis brennt sich dem Leser unmittelbar ein.




