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Traumlos
Der Wind war eisig. Er zerschnitt Bill beinahe die müde Haut auf seinen grauen Wangen und er fand, dass es sich großartig anfühlte. So lebendig, so echt. Diese Luft war frisch und zu schnell, um nach etwas Speziellem zu riechen. Sie roch nur nach Ferne und nahm seine Sinne gefangen. Bill vergaß den kleinen, schäbigen Balkon mit gusseiserner Brüstung, die nur bauchhoch war, wie er bereits festgestellt hatte. Er vergaß die kleine, dumpfe Wohnung, die sich hinter ihm wie ein Schatten aufbaute. Mary-Ann und das gesamte letzte Jahr waren für eine berauschende Sekunde nur ein flüchtiges Pochen in seinem Hinterkopf. Und das war das Beste.
Als Bill die Augen wieder öffnete, sah er vereinzelte, verlorene Schneeflocken vor seinen Augen durch die Dunkelheit wirbeln. Zwar war es in einer Stadt wie dieser nie wirklich dunkel, aber auch der hellste Schein verblasst, wenn man nur die richtigen Gedanken in sich trägt. Bill musste sich auf den Wind konzentrieren. Vielleicht würde der ihm ein wenig Trost zuflüstern.
„Bill, ich nehme Mapela und fahre zu meiner Mutter.“
„Mary-Ann, deine Mutter wohnt in Arizona.“
„Ja, danke Bill, das weiß ich.“
Trügerischer Freund. Auch er brachte Bill nur wieder an den wunden Punkt.
Er spürte seine Hände nicht mehr. Sie umfassten das eisbedeckte Geländer mit entschlossenem Griff. Er hatte es satt. Sie war weg, warum musste sie immer noch allgegenwärtig sein? Sogar im Wind.
„Bill, hören Sie mir zu. Ich weiß, dass Sie gerade eine schwierige Phase durchmachen, aber…“
„Ja?“
„Herrgott, Bill, Sie haben zwei wichtige Fälle verloren. Dabei haben Sie sich
einmal komplett vergessen und im Gerichtssaal so ein Theater veranstaltet, dass
zwei Gerichtsdiener sie rausschleifen mussten. Sie wollten keine Beurlaubung, Sie haben ja nicht mal erzählt, was los war, Sie kamen einfach her und waren… das! Bill, in Ihrem Zustand sind Sie nicht mehr tragbar für die Firma, verstehen Sie mich? Mit diesem Auftritt haben Sie sich selbst ins Abseits gestellt. Tut mit leid.“
Bill hatte das Mitgefühl satt. Wie sie ihn immer anguckten. Ihre Heuchelei, ihre Verlegenheit. Und das Schlimmste war, dass er jedes Mal so aussah wie sie, wenn er in den Spiegel blickte. Er hasste sich für sein Selbstmitleid. Das war sein Glück. Sonst hätte er feige sein können und der Idee zu springen, die in diesem lebendigen Wind lag, womöglich nicht widerstehen können. Er senkte den Kopf und starrte verbissen und angewidert hinab in den teilnahmslosen Schlund der Gosse. Dazu würde sie ihn nicht bekommen. Das war einer der Gründe, warum er sich umdrehte, die klapprige, pfeifende Balkontür hinter sich schloss und nach einer heißen Dusche in seinem Bett lag und nicht auf dem Bordstein vier Stockwerke unter sich.
Er wusste jetzt, dass diese Feigheit keine Option mehr sein würde. Es wäre einfach, aber es wäre eine Enttäuschung. Bei dem Gedanken, dass jemand tonlos mit „Ach, na ja, das hat sich ja abgezeichnet“ seinen Tod kommentieren würde, bekam er pochende Wut. Vielleicht rettete ihn diese am allermeisten. Und Mapela. Sie war das einzige, was er noch liebte auf dieser Welt.
Bill lag da und erschauerte bei dem Gedanken daran, dass er heute beinahe allem ein Ende gesetzt hätte. Aber welcher Idiot hörte schon am Tiefpunkt auf? Von hier an konnte es doch nur besser werden. Und dann dachte er: „Nein, von hier an wird es nur noch besser werden.“
Kurz darauf schlief er ein. Der Wind fraß sich noch immer um die Häuserecken und flüsterte dabei sein schauriges Lied.
Bill schlief lang, tief und traumlos.



