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Strickstrumpf mit roten Karos

Ich weiß nicht mehr, wie es kam, dass sie an diesem Abend noch einmal über ihren ehemaligen Kollegen Giorgi redete. Lia hatte ihn irgendwann schon einmal erwähnt. Ein stattlicher Mann mit guten Manieren; eigentlich zu gut, eher aalglatt. Jedenfalls wusste er aufzutreten, setzte sich gekonnt in Szene, wenn es darauf ankam. Und er machte Eindruck bei den Frauen. Lia hielt nicht viel von ihm, denn er hatte im letzten Jahr ihre beste Freundin belogen und unglücklich gemacht.

Aber davon war nicht die Rede in unserer Runde. Wir saßen beim Griechen auf der Terrasse und feierten einen Geburtstag. Nach einer üppigen Vorspeisenplatte wurde ein Lammgericht aufgetischt. Dazu große Flaschen Wasser und süffiger Rotwein aus Messingbechern. Das Lokal war voll belegt, innen stand in einer Ecke ein großer Flachbildschirm. Griechenland gegen England, das Viertelfinalspiel der Fußballeuropameisterschaft wurde mit Spannung erwartet. Alexis, der Inhaber des Restaurants, stand an der Theke und gönnte sich eine von seinen dicken Zigarren. Es war einer dieser Abende, an denen dir die Welt zulächelt und du dir ganz sicher bist, dass das Schicksal es gut mit dir gemeint hat.

Lia war nicht zu bremsen gewesen. Sie hatte gerade noch von Georgien, ihrer alten Heimat erzählt, von der Schönheit der Granatapfelbäume, vom satten Rot ihrer pompösen Blüten. Aber irgendwann hatten wir das Thema gewechselt, ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, es ging darum, ob wir in Notwehr auch zur Waffe greifen würden. Ich hatte kategorisch abgelehnt: "Nein, schießen könnte ich nicht."

Das wollte Lia nicht gelten lassen: "In Georgien hättest du es gewollt, und ich werde dir sagen, warum." Sie erzählte von dem Krankenhaus, in dem sie arbeiteten, und dem kleinen Personalraum, wo sie Pause machten: " Es war zur Zeit des Bürgerkriegs. Giorgi ging jeden Mittag zum Kiosk gegenüber. Er wollte sehen, ob es nicht endlich wieder eine Zeitung gab. Manchmal brachte er auch einen von den kleinen Walnusskuchen mit." Lia erinnerte sich, dass Theona, die Kioskbesitzerin, sie selber backte. Und sie ergänzte: "Aber Theona führte einen großen Haushalt und schaffte es nicht immer, fertig zu werden. Der Verdienst aus dem Kiosk war knapp, es fiel ihr schwer, die Familie durchzubringen." Theona habe älter ausgesehen, als sie war. Vielleicht wegen ihrer gebückten Haltung, vielleicht auch wegen der Kleidung. Unter einer blauen Strickjacke steckte immer eine gemusterte Kittelschürze. Die grauen Haare hatte sie streng nach hinten gekämmt, zu einem langen Zopf geflochten. An den Füßen trug sie Hüttenschuhe, hübsche Strickmuster mit kleinen roten Karos.

"An diesem Mittag kam Giorgi vom Kiosk und war kreideweiß", fuhr Lia fort. "Er zitterte am ganzen Körper und stammelte nur ein Wort. Bein ... , das Bein, weinte er." Als er endlich reden konnte, erzählte er, was er gesehen hatte. Am Kiosk hatten drei Gardisten gestanden und wollten Zigaretten. Sechs Päckchen hatten sie von Theona gefordert. Sie hatte gejammert: "Ihr könnt die Zigaretten haben, aber ihr müsst sie mir bezahlen. Sechs Päckchen Zigaretten, das ist viel Geld für mich."

Die Männer waren grob geworden, und als Theona sich weiter weigerte, war es passiert. Giorgi erinnerte sich noch an das metallene Ei, das plötzlich über die Theke flog. Nach dem Knall hatte er die Besinnung verloren, und als er wieder zu sich kam, fiel sein erster Bick auf das, was vor ihm lag: ein Strickstrumpf mit roten Karos. Das Bein war im Hüttenschuh hängen geblieben.

Giorgi hatte laut geschluchzt, wie ein Kind, und dieses Mal hatte Lia ihm geglaubt.

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