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Annas großer Traum

Eins, zwei, drei und eins, zwei, drei – Pause und dann un, deux, trois, un, deux, trois,

beharrlich ging das Zählen weiter.

Es war Sommer. Die Sonne brannte schon einige Tage gnadenlos vom Himmel. Die Luft war heiß und trocken.

Im obersten Stockwerk des über einhundert Jahre alten Hauses stand ein Fenster einen kleinen Spalt offen. Ein Zipfel des vergilbten und etwas zerschlissenen Vorhangs flatterte leicht im Luftzug. Der Fensterladen hing schief und klapperte leise bei jedem geringfügigem Windstoß, der sich ab und zu aufmachte, die stickige Luft durcheinander zu wirbeln. Den nächsten Sturm würde er sicher nicht überstehen.

Die Fassade bröckelte und der ursprüngliche Anstrich, ein dunkles Blau, kam zum Vorschein.

Und wieder hörte man die tiefe, dunkle Stimme, energisch und streng: eins, zwei, drei – un, deux, trois. Eine Stimme, die keinen Widerspruch und auch keine Unterbrechung, egal welcher Art, duldete.

Unter diesem Fenster im Gras saß eine kleine, schmale Gestalt, auf den Knien ein aufgeschlagenes Buch. Blonde kurze Haare umrahmten das zarte, blasse Gesicht. Die großen hellen Augen blickten verträumt zum Fenster.

Eigentlich sollte Anna lernen. Doch in ihren Träumen versunken, lauschte sie der rauchigen, strengen Stimme. Sie hörte nur un, deux, trois…allez, allez, dazwischen Gekicher und leises Lachen.

Ihre Augen strahlten. Denn plötzlich war sie mitten unter ihnen. Sie sah sich im weißen Ballettkleid und an den Füßen dünne Ballettschuhe an der Übungsstange vor dem Spiegel.

Hoch, tief, vor und zurück und hoch, tief, vor und zurück, weiter, weiter… Madame Gigi war erbarmungslos. Sie gönnte ihren Schülerinnen kaum eine Pause. Nach dem Motto: wer etwas erreichen will, muss hart arbeiten.

Anna hatte das alles erlebt. Zwei Mal durfte sie das Heiligtum von Madame Gigi betreten.

Schwer hatte sie sich diese Stunden erkämpft.

Sie war jetzt 8 Jahre alt und seit sie sich erinnern konnte, wollte sie tanzen. Sie konnte kaum richtig laufen, aber tanzen konnte sie. Sie schwebte, sie drehte Pirouetten, sie lief auf den Fußspitzen und sie zeigte allen ihre Kunststücke. Es war nicht zu übersehen, wofür Anna geschaffen war. Auch ihren Eltern war es nicht entgangen. Doch es passte nicht in ihre gutbürgerliche Welt.

Besonders Annas Mutter tat sich schwer mit der Vorstellung, dass ihre kleine Tochter Balletttänzerin werden wollte. Sie liebte Anna sehr. Sie wollte nur das Beste für ihr Kind. Und Balletttänzerin war ihren Vorstellungen nach nicht das Beste.

So gab sie nur widerwillig ihrem Bitten und Drängen nach und meldete sie bei Madame Gigi an, der einzigen Ballettlehrerin weit und breit, die mit dem Unterricht ihren Lebensunterhalt verdiente. Von ihr angenommen zu werden, war nicht leicht. Madame Gigi war wählerisch.

Jedes Kind wurde streng geprüft und nur, wer ihren kritischen Augen entsprach, war dabei.

Anna hatte Glück.

So kam es, dass sie eines Nachmittags an der Hand ihrer Mutter die alten Holzstiegen, die bei jedem Schritt knarrten, zu Madame Gigis Wohnung hinaufstieg.

Anna war ihrem Ziel einen kleinen Schritt näher gekommen. Sie durfte endlich bei Madame Gigi Ballettunterricht nehmen.

Die erste Übungsstunde war vorbei und Anna fieberte der zweiten entgegen. Sie war überglücklich.

Eine Woche später, nach der zweiten Stunde, wurde Anna von ihrer Mutter abgeholt. Anna kam fröhlich hüpfend auf sie zu: „Mama, stell dir vor, heute haben wir einen sehr wichtigen Übungsschritt gelernt“, sprudelte es aus ihr hervor „ und Ina bekam 10 Strafübungen, weil sie den Schritt nicht gleich konnte.“ Sie blieb stehen und sah zu ihrer Mutter auf. Diese sah sie mit einem gequälten Lächeln an und sagte: „Komm Anna, wir gehen jetzt nach Hause und dann reden wir weiter.“ Anna verstummte. Sie lief mit kleinen Schritten neben ihrer Mutter. Von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf und sah sie fragend an. Ihre Mutter bemerkte es nicht. Sie hatte es eilig und zog Anna hinter sich her, als wollte sie so schnell wie möglich etwas hinter sich bringen.

‚Was ist los mit Mama?’, dachte Anna. ‚Sie ist so seltsam?’

Zu Hause angekommen, sagte ihre Mutter mit entschlossener Stimme: „Anna, du kannst nicht mehr zu Madame Gigi gehen. Ich finde es nicht gut, wenn du Balletttänzerin wirst. Balletttänzerinnen haben einen schlechten Ruf und das möchte ich dir ersparen.“

In Wirklichkeit wollte sie es nur sich ersparen. Das Gerede der Leute hätte sie nicht ertragen.

Anna sah sie mit ihren großen Augen ungläubig an. Das kann nicht wahr sein, dachte sie. Zuerst darf ich zu Madame Gigi gehen und dann, schon nach zwei Stunden, ist alles vorbei.

Entschlossen stellte sie sich vor ihre Mutter: „ Weißt du“ sagte sie „ich muss nicht Balletttänzerin werden, ich kann auch als Ballettlehrerin arbeiten, wie Madame Gigi. Das wäre auch schön. Ich möchte nicht aufhören. Ich möchte mit Ina und den anderen weitermachen.“ Um die Mundwinkel ihrer Mutter zuckte es. Es tat sehr weh, diese Entscheidung zu treffen. Aber es musste sein.

Mit trauriger und ernster Stimme, den Kopf schüttelnd, sagte sie: „ Anna, es geht nicht. Das ist mein letztes Wort. “

Anna hatte sich seit diesem Gespräch verändert. Sie war nicht mehr das fröhliche Kind, das so gerne tanzte. Sie zog sich immer mehr zurück.

Besonders an den Tagen, wenn bei Madame Gigi Unterricht war. Dann schlich sie, eine Ausrede murmelnd, aus der Wohnung. Sie lief direkt auf das alte Haus zu und setzte sich ins Gras unter das Fenster. Hier konnte sie träumen und Pläne schmieden.

Wenn sie einmal groß war und selbst entscheiden konnte, dann würde alles anders werden. Das nahm sie sich fest vor.

Anna, in ihrer kindlichen Naivität wusste nicht, dass es dann für die Erfüllung ihres großen Traumes viel zu spät sein würde

Eins, zwei, drei und un, deux, trois zählte die rauchige, strenge Stimme.

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