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Boot fahren, Boot fahren

"Wir wollen Boot fahren, Mama!" So hatte Marius mich am ersten Ferientag geweckt und sogleich begonnen, mit Silvia auf dem Bett

herumzuhopsen. "Boot fahren! Boot fahren!“ schallte es durchs Haus. Eine Ausrede nach der anderen tischte ich meinen beiden Kindern auf und lud am Ende ihre Freunde ein, um nur nicht aus dem Haus zu müssen. Aber irgendwann sind die, einer nach dem andern, gegangen. "Boot fahren! Boot fahren!", kicherten Marius und Silvia und liefen hinter mir drein. Ihre glänzenden Augen klagten mich an.

Ich bin schon bei vielen Ärzten gewesen, aber den Grund meines Leidens hat noch keiner gefunden, ob es vom hellen Licht kommt oder vom Gras oder einem Gen. Meistens verschwinden die juckenden Bläschen in meinem Gesicht, sobald ich wieder zu Hause bin. Meine Familie schaut spöttisch zu, wenn ich mit meinen Salben und Tinkturen hantiere oder eine neue Diät ausprobiere. Dabei haben auch sie ihre Unpässlichkeiten. Johann, mein Mann, leidet, seitdem ich ihn kenne, an Migräne, Silvia darf keine Milch trinken, Marius hat schlechte Schulnoten. Aber ich will mich nicht beklagen.

"Boot fahren! Boot fahren!", hallte es immer noch im Haus.

Konnte ich sie denn bereits am allerersten Ferientag enttäuschen?

Nachdem ich mich versichert hatte, dass sich am Himmel tatsächlich Wolken sammelten, stimmte ich endlich zu, und wir pumpten das Boot auf.

Es war bereits spät, als wir zum Fluss kamen, der abendlich verschattet, ohne Strömung dalag und nicht auf uns wartete. Das Wasser klatschte dunkel und etwas unheimlich vor uns ans flache Ufer, von wo wir das Boot, ein leichtes Gummiboot, mühelos ins Wasser ließen. Noch sah man am gegenüberliegenden Ufer, wo es unmittelbar nach einem schmalen Streifen Kies steil und dicht bewaldet ansteigt, Ausflügler. Noch hörten wir hin und wieder ein verhaltenes Lachen über den Fluss zu uns herüberwehen. Doch bald verstummten diese Stimmen. Die letzten Badenden stiegen an Land und schüttelten sich, so dass es silbrig sprühte. Ein Boot nach dem anderen verschwand vom Fluss. Jetzt waren wir alleine auf dem Wasser. Die Kinder bekamen bange Gesichter und Augen wie aus Glas. Sie schmiegten sich an mich, doch die Nacht kroch ihnen unter die Haut. Bald wurde es für einen Sommerabend ungewöhnlich kühl, ja ausgesprochen kalt. Schließlich wollte auch ich an Land, doch das lauwarme Wasser, das sich im Boot zu einer Pfütze gesammelt hatte, war jetzt vereist und hielt unsere Füße fest. Erst nachdem wir die bereits recht dicke Eis- schicht aufgehackt hatten, schafften wir es unser Boot zu verlassen und an Land zu gelangen. Hilflos mussten wir zusehen, wie es im Fluss festfror.

Als ich spät am Abend zu Marius und Silvia ins Zimmer trat, um ihnen eine gute Nacht zu wünschen, lagen sie mit blauen Lippen, blass und still in ihren Betten. Als ich plötzlich die Stimme Johanns aus dem Wohnzimmer vernahm, erschrak ich noch mehr. So laut redete er nur, wenn er mit seiner Mutter telefonierte. "Alles in Ordnung! Stell dir mal vor, Heidi hat keinen Ausschlag, seit langem das erste Mal!" Schnell deckte ich die Kinder bis zu ihren Nasen zu, in der Hoffnung, die Decke schütze sie auch vor den Augen Johanns, in der Hoffnung, am nächsten Morgen sei alles wieder gut.

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