Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Die Birke
Jan Pullock drehte sich auf dem Stuhl wiederholt um seine eigene Achse. Sein Büro war kleiner und miefiger als die Hauswart-Abstellkammer. Die Holzwürmer in den dunklen Möbeln waren längst in Rente. Zwischen Pult und Fenster stand das Ordnerregal, rechts an der Wand hing ein Poster, und sein Stuhl quietschte wie die örtliche Straßenbahn. Auf seinem Pult standen ein Computer mit altem Röhrenmonitor, das gelblich abgegriffene Telefon und ein kleines Radio. Er betrachtete sein Spiegelbild im schwarzen Bildschirm. Sein Anzug war wie der aller anderen, sein braunes kurzes Haar wurde täglich grauer und sein Gesicht sah älter aus als 42. Er schaute zur Tür, wo Max die Sendungen im internen Postwagen durchwühlte. Max war ein alter komischer Kauz mit knallroten Hosenträgern. Bevor er die Post übergab, berichtete er wie jeden Tag über Neuigkeiten.
„Es gibt n` neuen Parkplatz für n` Projektleiter“, sagte Max ohne aufzusehen. – „Ist ja typisch, ich suche täglich 15 Minuten einen Parkplatz und die Herren ...“
„Dafür soll die Birke vor deinem Fenster gefällt werden.“ - „Was ..., das können diese großkotzigen Idioten da oben doch nicht machen!“, schrie Jan entsetzt auf. Max blickte kritisch über seinen Brillenrand zu Jan und sagte: „Die können ..., glaub mir.“
Jan liebte seine wunderschöne Birke über alles. Der Baum war das einzig Lebendige zwischen ihm und der großen weißen Backsteinmauer vor dem Fenster.
Max überreichte Jan einen Berg Briefe und betrachtete das Poster an der Wand. - „Ist vom Maler Hans Erni, heißt Waldsterben oder so“, sagte Jan.
Das Poster zeigte einen Baum mit prachtvoller Krone, die zugleich einen menschlichen Kopf darstellte. Der Baumstamm bzw. die Kehle war bis zur Hälfte aufgeschlitzt, der Kopf kippte nach hinten und der Gesichtsausdruck zeigte ein verzweifeltes Ächzen.
Max nickte, brummelte etwas vor sich hin, fuhr seinen Postwagen in Richtung Tür und sagte: „N` schönen Tag noch.“ – „Dir auch, bis Morgen“, rief Jan zurück, aber der Postmann war schon weg.
Jan stand auf und machte drei Schritte zum Fenster. Dort bereiteten sich die Holzfäller wie Mafioso für den Auftragsmord vor. Im Radio hinter ihm hörte er Elton John singen; I`m Still Standing, yeah yeah yeah. Die Kettensäge kreischte laut auf und drang unaufhaltsam in den Baumstamm hinein. Durch das undichte Fenster konnte Jan den nass holzigen Geruch des Todes wahrnehmen. Er spürte eine große Leere in sich.
Im Lärm der Kettensäge hörte er ein leises Klingeln. Hastig drehte er sich um, stolperte über seine eigenen Füße. „Verdammte Scheiße“, zischte er und griff nach dem Hörer.
„Finac AG, Pullock!“, meldete er sich schroff. - „Morgen, Herr Pullock, was ist das für ein Lärm bei Ihnen?“ – „Guten Morgen, Herr Stelzer“, grüsste Jan seinen Chef. „Die fällen die schöne Birke vor meinem Fenster“, antwortete er empört. „Ach so ...“, sagte Stelzer und sprach mit ruhiger Stimme weiter: „Lieber Herr Pullock, seit Jahren schätzen wir Sie als fleißigen Mitarbeiter ...“. Jan krampfte sich sofort der Magen zusammen und es wurde ihm schlecht. Bereits seit Monaten wurden Arbeitsplätze abgebaut. Er sah die Birke fallen.
„Ab Morgen sind Sie Projektleiter und beziehen das Büro 53 im 5. Stock. Das wollten Sie doch immer schon, stimmt`s"? – „Ja, na ... natürlich, s ... sicher“, stotterte Jan in den Hörer und wollte vor Freude aufschreien. Er sah sich in Gedanken schon im großen sonnigen Büro sitzen – „Gut, dann bis Morgen um neun in der Cafeteria. Ach, und bevor ich`s vergess, Sie haben ab sofort einen eigenen Parkplatz vor dem Gebäude, dort, wo dieser Baum stand“, sagte Stelzer und legte auf.



