Kurzgeschichtenwettbewerb 2 / 2008

 

1. Irmen Hasse – Der Lottogewinn

Hasse greift ein aktuelles Thema auf und führt uns die Herablassung derjenigen, die es scheinbar immer gut haben, klar vor Augen. Dabei geht die Schadenfreude letztlich immer unvorhergesehene Wege: eine vorzügliche Arbeit nach den hervorragend umgesetzten Kriterien der Kurzgeschichte, die uns bei allem Schmunzeln das Drama der Armut im Wohlstand nicht vergessen lässt.

2. Petra Diemer – Polly Peachum

Neid, Eifersucht, Gier nach Ruhm – diese Zutaten eines klassischen Dramas mixt Diemer in Ihrem Stück über die Fehde zwischen zwei Frauen zu einer modernen Krimi-Komödie, die durch die klare Form, die spritzigen Dialoge und den trockenen Schluss ganz und gar rund geworden ist. Fein herausgearbeitete Charaktere, die herrlich die weiblichen Rachsüchte auf´s Korn nehmen, geben dem Text die nötige Würze.

3. Erkan Yilmaz – Johns namenlose Kinder

Zunächst entwickelt der Autor eine scheinbar harmlose alltägliche Szene: ein junges Paar besichtigt ein Haus und zieht ein, es hat eine hoffnungsvolle Zukunft vor sich. Doch in die mustergültigen Dialoge mischt sich Unbehagen, die Vorgeschichte des neuen Heimes steht symbolhaft für die Bedrohung. So führt Yilmaz den Leser mit stetigem Spannungsaufbau ins Genre der Absurdität, ganz im fortgeführten Stil E. A. Poes.

4. Claudia Brux – Die Frau

Brux zeigt uns die klassische Hausfrau und Mutter, fast klischeehaft zeichnet sie deren tristen Alltag, der nur Müdigkeit an sich selbst, einsame Momente und die Unausweichlichkeit der selbstgewählten Situation heraufbeschwört. Umso deutlicher gelingt ihr dies über den klaren und nüchternen Ausdruck und die knappe Dramaturgie, die die Abwendung vom Leben und die distanzierte Haltung sogar zu den eigenen Kindern auf den Punkt bringt. Am Ende wird auch die sich anbahnende Affäre keine Besserung und keinen Ausbruch bringen.

5. Edda Papke - Dabei sah er so friedlich aus

Papke liefert hier eine beeindruckende Menschen- und Charakterstudie, über sie das Thema Fremdenfeindlichkeit gleichzeitig ironisch, humorvoll und nüchtern transportieren kann. Gekonnt verwebt sie dabei plastische Schilderungen mit filmreifen Dialogen und überlegt eingearbeiteten Wahrnehmungen der Ich-Erzählerin. Eine Arbeit, die den Leser schmunzelnd und nachdenklich zurücklässt.

6. Mario Weitz – Die Erklärung

Was auch immer der Protagonist herausgefunden hat, ist nicht wirklich von Bedeutung, denn es geht um die unerbittliche Ignoranz der Medien, die Weitz in seinem Redakteur wie als Metapher durch seine Geschichte hetzen lässt. Zudem spielt der Autor elegant sowohl mit der Neugier des Lesers als auch mit der berufsbedingten Obsession des Journalisten: Was genau ist passiert? Welche angekündigte Katastrophe ist Realität geworden? Ein Text, der uns durch seine konsequente Linie mit Andeutungen völlig überzeugt.

7. Heidi Kehl – Schrecksekunden

Hier fallen wir in die sonnigen Tage der Kindheit, die uns allen verklärt im Gedächtnis sind. Kehl gelingt es über eingängige Situationsschilderungen, dieses Postkartenbild aufzubrechen. Die Hauptfigur, noch ganz im kindlichen Erleben gefangen, macht eine erste Erfahrung von großer Angst und Schuld – Kehl lässt uns den schmerzhaften Schritt ins Erwachsensein mitgehen.

8. Kerstin Fröhlich – Tiefgefroren

Fröhlich zeigt ein überzeugendes Talent für das Krimischreiben. In lakonischer Sprache, die das grausame Geschehen und die gefühlskalte Hauptfigur ironisch verbrämt, schildert sie ein Verbrechen, das nichts auslässt, was das Genre vorgibt: das Böse steht immer in der Nähe zum Guten und jede Tat hat ihre innere Logik. Besonders gut gelungen sind der Autorin die Zeit- und Ortswechsel, die dem Thema Gier Vielschichtigkeit geben.

9. Nanda Adam - Weit hinter den Sternen

Dies ist ein Text, der ganz ohne dramatische Höhepunkte auskommt und in dem sich Adam gezielt auf den fließenden Dialog zwischen Enkel und Großmutter konzentriert. Dabei gelingt es ihr nicht nur, die Figuren überaus plastisch zu charakterisieren, sondern auch herauszuarbeiten, wie schwer es sein kann, Antworten auf Fragen zu finden, die niemand wirklich beantworten kann. Die Spannung des Textes liegt in der feinen Mischung aus vermittelter Alltagskomik und offener Deutung.

10. C.M. Sonntag – Abends vorm TV

Ein völlig anonymes Ich betrachtet die Welt vom Sofa aus – und ist damit jeder von uns. Wem geht es nicht so abends vorm Fernseher, wenn wir gleichmütig anderen Menschen beim Leben, Verbreiten von ignoranten Kommentaren und dem Elend der meisten zuschauen und uns leicht ermattet abwenden, weil wir den Kontrast nicht bewältigen können und Handeln schon gar nicht? Sonntag bringt dies pointiert in einem dramaturgisch ausgeklügelten Text zum Ausdruck.

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