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Abends vorm TV

Es ist 18:30 Uhr. Ich sitze im Wohnzimmer vorm Fernseher und trinke Bier in rauen Massen. Die Rollläden habe ich geschlossen, damit die Sonnenstrahlen nicht auf den Bildschirm scheinen. Ich bin erst vor zwei Stunden aufgestanden, und habe schon wieder Nasenbluten. Alles wegen dem verdammten Koks. Irgendein amerikanischer Jungschauspieler, der zugegebenermaßen gut aussieht, sitzt auf einem roten Sofa und verschränkt die Beine übereinander. Ich kann den Absatz seines rechten Cowboystiefels sehen. Er ist sauber. „Wissen Sie, es ist einfach unglaublich. Ich bin auf dem Weg zum Friseur und da spricht mich so ein Kerl an. Hat echt heruntergekommen ausgesehen, gar nicht so, wie man sich einen aus dem Filmgeschäft vorstellt. Fragt mich, ob ich Lust auf ein Casting habe, weil ich gut aussehe, und man in LA wegen einer neuen Sitcom nach Talenten sucht.“

Er lächelt. Steckt sich eine Zigarette an. Schweiß perlt auf seiner Stirn.

„Und dann geht er hin, sagt, ` Überlegen Sie sich’s`, hält mir seine Visitenkarte hin. Zwei Tage später liege ich total besoffen mit meinem Mädchen im Bett und denke, `Mein Gott, zu verlieren haste ja nix`, vielleicht gibt’s da ja was kostenlos. Also ruf ich die Nummer an und heute, sechs Jahre später, hab’ ich drei Kinofilme gedreht und bin Millionär.“

Er lacht wieder. Zieht lange an der Zigarette. Seine weißen Zähne blitzen in die Kamera. Nach einer Weile bläst er den Rauch aus, schüttelt den Kopf und nuschelt: „Unglaublich, Mann. Einfach unglaublich. Ich glaube, das nennt man den amerikanischen Traum.“

Ich trinke meine Flasche leer und weil ich den Öffner in der Küche liegengelassen habe, gehe ich hinüber und hole mir ein neues Bier. Als ich zurückkomme, ist der Beitrag fortgeschritten. Der Zuschauer wird an die Cote d’ Azur entführt. Zu irgendeiner Promiparty auf eine Jacht. Ich sehe Menschen, die schon in meinem Alter absurd reich sind und einer, anscheinend der Gastgeber, ein höchstens 25- jähriger Milliardärserbe mit Locken und Haifisch- Grinsen, wird gefragt, ob er spendet. „Sicher“, antwortet er, „jedes Jahr drei Millionen. Bei der `Las Vegas Christmas- Gala`.“ Das Wort „drei“ betont er. Die Reporterin, die selbst nicht im Bild ist, will gerade eine weitere Frage stellen, als er hinzufügt: „Wissen Sie, wenn man so reich ist wie ich oder die Leute hier, dann trägt man auch eine Verantwortung für die Gesellschaft.“

Aus dem Hintergrund ertönt ein schriller Schrei. Gelächter folgt. Die Kamera wackelt kurz.

Dann hakt die Reporterin nach:„ Ist das nicht etwas wenig? Das sind nicht mal Ihre jährlichen Zinsen.“

Ihre Stimme erinnert mich an jemanden, aber ich komme nicht auf die Person. Ein Kellner, Frack, weiße Handschuhe, Silbertablett kommt vorbei. Der Reiche nimmt sich ein Glas Champagner, nippt daran und antwortet in herrischer Stimme:

„Jetzt hörn Sie aber mal auf. Was spenden Sie denn, hm? Spenden Sie mehr? Wenn S-i-e mehr spenden als ich, dann spende i-c-h 100 Millionen.“

Er lacht auf, grinst gequält. Dann:„ Sie wissen doch, wie dasist. Im Leben ist jeder für sich selbst verantwortlich.“

Nach einer Weile schalte ich weiter. Querbeet durch dieKanäle. Auf einem englischen Kanal sehe ich Kinder in sengender Hitze verhungern. Fliegen schwirren um ihre kantigen Köpfe und landen auf ihren aufgeblähtenWasserbäuchen. Auf einem Regionalprogramm erklärt eine Frau, die meiner Tante ähnelt, dass sie arbeitslos sei, nicht mehr wisse, wie sie ihre Kinder durchbringen soll. Sie beginnt zu weinen. Ich seufze, schüttele den Kopf und balle meine rechte Hand zu einer Faust. Dann schalte ich das Fernsehgerät aus.

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