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Dabei sah er so friedlich aus

Als ich den Regionalexpress zwei Minuten vor der Abfahrt bestieg, war er bereits brechend voll. Ich schlängelte vorbei an aufgereihten Füßen und wäre fast über einen Koffer gestolpert.

Nach allen Seiten blickend musste ich feststellen: Keine Chance auf einen Sitzplatz.

Dann sah ich links einen Mann, der sich mit drei leeren Stühlen umgab. Wenn sich da niemand hinsetzte, musste das eine Ursache haben. Möglich war, dass er in die Ecke gekotzt oder gepinkelt hatte oder zumindest jemanden beleidigt. Ich wollte es riskieren. Mit fünfundvierzig war ich nicht mehr die Jüngste, und meine Fahrt würde noch dauern. Um den schlafenden Mann nicht zu wecken, stellte ich meine Reisetasche vorsichtig in die obere Ablage.

“Da würde ich mich nicht hinsetzen, der hat sie nicht alle”, behauptete ein gepflegter älterer Herr mit Halbglatze aus dem Nebenabteil.

Wieso sollte der sie nicht alle haben? Er sah doch so friedlich aus wie ein gerade geworfener Labradorwelpe. Trotz einer gewissen Skepsis nahm ich Platz und konnte keine Auffälligkeiten feststellen. Es roch nicht unangenehm, und sauber war es rundherum auch.

„So ein Leichtsinn!“, meinte der ältere Herr.

Den Mann gegenüber fand ich in gewisser Weise sogar attraktiv. Etwas seitlich war er in die rot-schwarz gemusterten Polster gerutscht, hin und wieder zuckten seine Lider. Seine Augenbrauen erschienen mir etwas störrisch, eine einzelne schwarze Haarsträhne hing hinein.

Der Zug bremste quietschend und ließ meinen Oberkörper nach vorn rucken und mit Wucht wieder an die Lehne prallen. Seinen auch. Davon wachte er auf. Erstaunt sahen mich seine schwarzen Augen an und begannen, verschmitzt zu leuchten.

Ganz unvermittelt sagte er mit angenehm tiefer Stimme: “Hey, ich bin Frank. Falls ich bis jetzt geschnarcht haben sollte, tut es mir leid. Man hört sich ja nicht selbst.” Blöde Anmache? So jung war der doch auch nicht mehr. Oder hatte er sie tatsächlich nicht alle?

Etwas verlegen antwortete ich: “Haben Sie nicht. Hätte mich aber auch nicht gestört. Ich heiße Kathrin.“

Bald plauderten wir entspannter, und weil mir die Frage die ganze Zeit nicht aus dem Kopf ging, gab ich mir einen Ruck.

“Wie kommt es, dass der Zug überfüllt ist, und nur Sie saßen bis eben ganz allein?”

“Ich hatte Zoff mit dem Typen nebenan, der ist rassistisch veranlagt.”

“Schwachsinn!“, brummte es von rechts.

Die beiden ebenfalls im Nebenabteil sitzenden Punkmädels zogen ihre Stöpsel aus den Ohren und wurden hellhörig.

Frank erklärte: “Vorhin stritt sich ein Rechter mit einer Ausländerin darüber, ob sie einen Sitzplatz in einer Deutschen Bahn beanspruchen dürfte. Als die Glatze handgreiflich wurde, ging ich der Frau zur Hilfe. Der Herr gegenüber tendierte eindeutig zu Rechts. Und seitdem meint er, dass ich sie nicht alle hätte.“

“Frechheit, solche Äußerungen sind alle provoziert! Diese ganzen Linksautonomen sollte man verbieten!“, kommentierte die Halbglatze ungefragt.

Ich schüttelte den Kopf. “Widerlich.“

“Ja, manchmal muss man sich schämen, ein Deutscher zu sein“, gab Frank zu.

“Der hat sie nicht alle!“, brüllte der Herr mit geschwollenen Stirnadern, die zu platzen drohten. “In einem deutschen Zug...“ Weiter kam er nicht.

“Schnauze, Alter!“, mahnte ein Punkmädel und stieß ihn wieder in seinen Sitz zurück, aus dem er sich gerade aufbauen wollte. “Deutscher Kaugummi. Hier.” Die Blauhaarige klebte ihm ihr Durchgekautes auf seinen noblen Lederkoffer. “Der hat sie doch nicht alle.” Frank und ich grinsten und winkten die Mädels zu uns.

Nebenan versuchte gepflegt der ältere Herr, deutsche Kaugummireste von seinem braunen Lederdeckel zu kratzen. Er war nur von leeren Stühlen umgeben, obwohl der Zug überfüllt war. Wenn sich da niemand hinsetzte, musste das eine Ursache haben. Dabei sah er so friedlich aus.

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