Schrecksekunden
Eines Tages hatten Eliane, Christine und ich die Idee, mit den Fahrrädern zum „Alten Rhein“ zu fahren, wo wir ein paar lauschige Badeplätzchen kannten. Da ich zu jener Zeit noch kein eigenes Fahrrad besaß, borgte ich jenes meiner älteren Schwester, jedoch ohne sie vorher um Erlaubnis zu bitten. Wir nannten diese Art des Borgens „französisch ausleihen“. Ein paar Minuten warteten Christine und ich mit den Fahrrädern vor dem Haus. Lachend schwenkte Eliane mit ihrem Fahrrad um die Hausecke. Kurze Zeit später hatten wir die Häuser unseres Dorfes hinter uns gelassen und fuhren über die holprigen Landstraßen der Rheinebene.
„Hier machen wir eine kurze Pause!“, rief ich meinen Freundinnen zu, als wir auf der Rheinbrücke angekommen waren. “Das ist eine gute Idee!“, hörte ich Eliane hinter meinem Rücken sagen. “Ich hab’ nämlich einen Riesendurst.“ Die Fahrräder lehnten am Brückengeländer und wir äugten in den träge ziehenden Fluss hinunter.
Christine hatte es zuerst entdeckt; sie zeigte in die Richtung, aus der wir gekommen waren. „Schaut euch bloß mal dieses langarmige Rauchgespenst an!“, japste sie. „Es brennt, irgendwo brennt es.“
Anfänglich sah es noch harmlos aus. Eine zarte Rauchsäule reckte sich in den Sommerhimmel, etwa so, wie der dem Glas entweichende Flaschengeist. Die Rauchsäule vergrößerte sich rasch, auch schienen es jetzt mehrere zu sein. Eliane fuhr sich mit der Hand durch ihre krausen Haare und bemerkte zu mir gewandt: “Ich glaube, es ist etwa dort, wo euer Haus steht.“
Im selben Augenblick spürte ich, wie es mir heiß und kalt den Rücken hinunterlief. „Unser Haus brennt.“ Diese Vorstellung war schrecklich. „Nein, bitte nicht“, flüsterte ich. Gedankenpfeile durchbohrten meinen Kopf: “Mama, wo bist du? Wo sind meine Puppen?“
„Kommst du endlich!“, brüllte Eliane, als ob sie das Rauschen des Rheins hätte übertönen müssen.
Vergessen war der „Alte Rhein“. Wie vom Teufel verfolgt, radelten wir zurück, den Blick unablässig an die schwarzen, meterhohen Rauchsäulen geheftet. Mein Herz pochte wie ein Maschinengewehr.
Dazu kam, dass mich eine abgrundtiefe Reue wegen des französisch entliehenen Fahrrads befiel. Würde meine Schwester in den Flammen sterben?
„Selina, nicht, ich bring dir gleich dein Fahrrad zurück“, stammelte ich ganz leise. Plötzlich fühlten sich meine Lippen nass und salzig an. Da traf mich der Blick Elianes. Sie fuhr dicht neben mich, so dass wir uns fast berührten.
„Meine Güte, du heulst ja richtig! Ich hab’ das doch nicht so gemeint mit eurem Haus. Und sollte doch euer Haus brennen, kannst du auf jeden Fall bei uns wohnen.“
Sie schaute mich aufmunternd und zugleich fragend an.
Ich war nicht in der Lage, ihr darauf etwas Vernünftiges zu erwidern. Ich hatte immer noch diesen ekligen Kloß im Hals.
In der Ferne hörten wir Sirenen von Feuerwehrautos. Es mussten viele sein.
Dann sahen wir es. Mit aufgerissenem Mund starrten wir auf die züngelnden Flammen, die aus den Gebäuden der stillgelegten Ziegelfabrik loderten. Unversehrt, jedoch etwas eingeschüchtert, wie mir schien, stand unser Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich musste dieses Fahrrad zurückstellen. Nie wieder wollte ich irgendetwas französisch ausleihen. Als es dunkel wurde, bekamen die Feuerwehrleute den Brand unter Kontrolle. Übrig blieben nur noch Schutt, Asche und Rauch.
An diesem Abend warteten Selina und ich lange auf das Sandmännchen. Noch immer war es unerträglich heiß im Schlafzimmer und es roch nach Verbranntem. Ein warmer Windstoß fegte von draußen herein. Dumpfes Donnergrollen war zu vernehmen und dann prasselte der Regen aufs Dach und gegen die Fensterläden. „Schläfst du schon?“, fragte Selina.



