Der Lottogewinn
Der ältere Mann sah nett aus, allerdings kam er zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn ihre Pizza Funghi lag gerade fertig gebacken auf dem Holzbrett, bereit, verspeist zu werden. „Sie müssen mich nicht reinlassen“, sagte der Fahnder, nachdem er der Hartz-IV-Empfängerin seinen Ausweis gezeigt hatte. Die junge Frau bat ihn trotzdem ins Wohnzimmer, und dort blickte er sich suchend um.
„Sie haben Geld für einen neuen Kleiderschrank beantragt. Ich möchte prüfen, ob Ihre Forderung berechtigt ist. Würden Sie mir Ihren derzeitigen Schrank bitte zeigen?“
„Okay.“ Kaugummi kauend und schlurfend führte die Blondine den unangemeldeten Besucher in ihr Schlafzimmer. „Dort ist er.“ Sie zeigte auf einen billigen Zweitürer aus Leichtmetall. In dem großen, halbleeren Raum wirkte er klein und schäbig, und zu seiner Linken türmte sich ein Kleiderberg an der Wand auf.
„Weshalb haben Sie denn Geld für einen neuen Kleiderschrank beantragt, wo dieser doch in Ordnung zu sein scheint?“, fragte der Hartz-IV Detektiv und zog fragend eine Augenbraue hoch. Entschuldigend wies sie auf den Kleiderberg, der neben ihrem schmalen Bett an der Wand hochragte. „Meine Freundin ist ins Ausland gegangen und hat ihre Winterklamotten bei mir deponiert.“
„Wissen Sie, das ist für den Staat kein Grund, Ihnen einen neuen Schrank zu finanzieren.“ Dabei knipste er lässig seinen Kugelschreiber an und aus. „Nein?“ Enttäuscht blickte sie auf ihre Entenpantoffeln. Dann auf seine schicken, teuren Lederschnürschuhe. „Sollen die Klamotten den ganzen Winter lang da in der Ecke liegen, zustauben und als Mottenfutter verrotten? Der Wollpullover da? Meine Freundin vertraut mir, dass ich ihn gut versorge!“ Der ältere Kontrolleur zuckte die Achseln. Seine mit Daunen gefütterte Winterjacke und der karierte Schal sahen neu und teuer aus.
“Hören Sie, ich habe das Geld beantragt, weil ich Ordnung in meiner Wohnung haben möchte“, sagte sie flehend. Bittend sah sie dem Graumelierten in das zerfurchte Gesicht. Er schüttelte resigniert den Kopf. „Es tut mir leid. Für mich liegt kein überzeugender Grund vor. Sie besitzen einen intakten Kleiderschrank von ausreichender Größe.“
Zügig ging der Fahnder aus dem Schlafzimmer hinaus und blieb kurz in dem kleinen Wohnzimmer stehen, um einen angewiderten Blick auf die mittlerweile erkaltete Pizza Funghi zu werfen, die braun und eingefallen war wie ein vertrockneter Kuhfladen. Er eilte zur Haustür. Die Achtzehnjährige folgte ihm in ihren abgewetzten Jeans und der über und über von Pillingfusseln besetzten Strickjacke.
Als die Tür hinter ihm zufiel, starrte Elisa noch eine Weile auf die Haustür. Dann hellte sich ihre Miene auf. Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen. Flink eilte die Blondine zurück in das Schlafzimmer und zog einen silbernen Geldkoffer unterm Bett hervor. Sie ließ ihn aufschnappen, und der Anblick der Geldscheine ihres Lottogewinns blendete sie noch immer. Liebevoll wanderte ihr Blick von dem Geldkoffer über das schmale Bett und den Leichtmetallschrank und blieb schließlich an dem Wollpullover hängen, der zuoberst auf dem Kleiderhaufen lag. Morgen würde sie einige Kataloge anfordern. Wie wäre es mit einem Hülsta Viertürer aus Kirschholz und mit Spiegelwand?



