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Tiefgefroren

„Ich habe einen Menschen getötet. Ich kann so nicht weiterleben…“

So stand es in dem Brief.

Ulf Krawatzka war dreißig Jahre alt und ein Faulenzer. Er war nicht gerade dumm, aber er ging der Arbeit, wann immer er konnte, aus dem Weg. Nur wenn es sich wirklich nicht vermeiden ließ, erledigte er auch für andere kleine Arbeiten in Haus und Garten.

Eines Tages hörte er im Supermarkt zufällig ein Gespräch zweier Frauen mit an. Er trat ein paar Schritte näher, bemüht, nicht bemerkt zu werden. Die jüngere der beiden, Ute Meyer, kannte er vom Sehen. Sie arbeitete bei einem ambulanten Pflegedienst. Dadurch wusste sie einiges über ihre Patienten: „…Herr Friebel bewahrt immer noch sein ganzes Geld im Gefrierfach auf. Fünfzigtausend Euro!“ Die andere Frau schüttelte verständnislos den Kopf. „Wem traut er denn nicht, den Banken oder seinem geldgierigen Enkel? Der wohnt doch seit seiner Scheidung da, sogar mietfrei!“ „Ja, Peter und Geld, das…“

Ulfs Gedanken überschlugen sich: Heute war sein Glückstag. Friebels Haus kannte er, da hatte er schon gearbeitet. Der Kühlschrank befand sich in der Küche im Erdgeschoss. Enkel Peter arbeitete

meistens nachts oder war am Abend unterwegs. Frau Friebel war bettlägerig und auf Sauerstoff angewiesen. Der Pflegedienst kam spätestens um neunzehn Uhr. Friebel selbst? Ein kleiner, alter

Mann, fast neunzig. Rechthaberisch, aber ungefährlich. Rein, Geld holen, raus. Völlig risikolos. Und außerdem, 5 0. 0 0 0 Euro.

Am späten Abend brach er problemlos in Friebels Haus ein. Im Flur hörte er das Sauerstoffgerät im Schlafzimmer. Brummend. Zischend. Vorsichtig schlich er in die Küche, zog seine Wollhandschuhe an, öffnete das Gefrierfach und nahm sich das Geld. Plötzlich hörte Ulf hinter sich Friebels heiser krächzende Stimme.

„Bürschchen, dir werde ich helfen! Mein Geld stehlen! Ich rufe jetzt die Polizei!“ Ulfs Herz setzte fast aus. Der Schreck fuhr ihm kribbelnd in Hände und Füße und schoss als Adrenalin wieder hoch. Reflexartig drehte er sich um und rammte Friebel die tiefgefrorene Beute ins Gesicht. Friebel taumelte, verlor das Gleichgewicht und krachte mit seinem Kopf gegen die Tischkante. Ein kurzes Knacken. Stille.

Nur das brummende Zischen aus dem Schlafzimmer war zu hören. Friebel atmete nicht mehr. Ulf schaute sich besorgt um, das eiskalte Paket immer noch fest umklammert. „Ganz cool“, sagte er sich, „nimm das Geld und dann nichts wie weg.“ Ein letzter Blick auf Friebel, dann verließ er das Haus, nicht ohne die Tür sorgfältig hinter sich zu schließen. Zuhause angekommen, hatte er bereits einen Plan. Dafür würde er nicht in den Knast gehen. Er nicht. Er nahm sich Stift und Block und begann zu schreiben.

Ein paar Stunden später stand Krawatzka in der U-Bahnstation und sah Peter Friebel aus einer Bahn steigen. Es war voll auf dem Bahn - steig, um diese Uhrzeit fuhren viele Menschen zur Arbeit. Unter ihnen auch Ute Meyer. Aufmerksam beobachtete er die Menge. Aus dem Tunnel konnte man den herannahenden Zug hören und Gesprächs - fetzen drangen an sein Ohr. „Jetzt“, dachte Krawatzka und drängelte sich durch das Gewühl zur Bahnsteigkante. Ein kurzer Blick nach links, die Bahn kam näher. Mit einer fließenden Bewegung steckte er den Brief in Ute Meyers Jackentasche und stieß sie brutal vor den einfahrenden Zug. Quietschende Bremsen, erschrecktes Aufschreien.

Im allgemeinen Durcheinander drehte sich Krawatzka seelenruhig um und ging die Treppe hoch Richtung Ausgang.

Die Überwachungskameras des Bahnsteigs surrten leise vor sich hin.

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