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Die Erklärung

Über Nacht hatte sich die Welt gedreht und er hatte recht. Plötzlich passte sein Argument als Fortschritt, denn Unglaubliches musste gedeutet werden. Die Schreibstuben summten vom Morgen an, rechtzeitig die Erklärung zu liefern. Elektronisch fand sich nichts, da wirbelte in den Archiven Staub und es musste in Ecken gedrungen werden, wo lange keine Hand in die Seiten gegriffen hatte. Alles ratterte und mittags war die Stunde, wo das, was Jahre keiner hören wollte haargenau in alles passte, dass es ohne dies fehlende Puzzlestück keinen Schritt mehr weiter ging auf der Welt. Der Baustein war Hennes Laulebens alte Vision. Der Redakteur hatte es entdeckt und machte sich eilig mit dem Team auf den Weg. Lauleben hatte gelebt und geraucht, geraucht und gelebt und war einmal durch eine günstige Stunde in seiner Partei hoch nach oben gespült worden. Dort hatte ihm sein natürlicher Verstand schnell den Fall zurück eingebrockt. Er hatte etwas gesehen, wozu die Zeit vor dem Urknall nicht reif gewesen war. Auf der rasenden Fahrt setzte sich der Redakteur sein Bild, lachte zu Fahrer und Kameramann hin, besser hätte es nicht passen können. Was Lauleben vorausgesagt hatte, war mit einem großen Krachen über Nacht in das Weltsystem hineingebrochen und alle wurden kalt erwischt. Damals hatte Lauleben mit seiner Rede, dass es so nicht weiter ginge, dieses Ungeheuerliche schon in seiner ganzen Tiefe begriffen und, als sei es klar wie Kristall, unsere sichersten Voraussetzungen als grundfalsch durchschaut. Das ließ ihn nicht mehr los, packte ihn an dem einst unter guter Dorfluft gewachsenen Gewissen und seine Moral gab ihm auf, von oben in die Hebel zu greifen und in die Mikrophone zu sprechen. Den Redakteur schauderte es, dass Lauleben für diese Wahrheit die Hände abgehakt und das politische Genick gebrochen worden war. Gleichzeitig überkam ihn aber Freude - würde er nicht Lauleben jetzt diesen Lotteriegewinn überbringen, dass er recht gehabt hätte? Der Redakteur rutschte unruhig auf der Rückbank der Limousine. Es galt noch auszuklügeln, wie es anzufangen wäre vor Ort. Er versuchte sich in Hennes Lauleben zu denken. Bis auf seine Adresse hatten sich dessen Spuren verloren, man wusste nicht, was er in den Jahren angefangen hatte. Üb Lauleben ahnte, dass es passiert war? Der Redakteur vertraute auf seine Gegenwärtigkeit und ließ von dem Thema erst einmal ab, den Blick frei in die vorbei fliegende Landschaft schweifen. Immer neue Gedanken führten aber zurück. Ohne Zweifel würde diese Welterschütterung dem Lauleben zu einem neuen Glück verhelfen können und er würde die erste Stufe des Comebacks in Szene setzen. Kurz vor dem Abendbrot langten sie an der Adresse an, ein unscheinbares Haus. Ein alter Mann tat die Tür auf. Der Redakteur hatte die Frage nach Hennes Lauleben auf den Lippen, da erkannte er in dem Alten die verfallenen Züge des Gesuchten. Betroffen entschied er sich zu Zurückhaltung, stellte sich vor. Lauleben brachte kaum ein Wort hervor. Peinliches Schweigen entstand. Der Redakteur musste Routine aufwenden. Mit der Frage, ob er kurz hereinkommen könnte, wollte er die richtige Richtung einschlagen. Lauleben bat sich fünf Minuten aus, ließ die Haustüre angelehnt und verschwand. Kurz darauf war ein Poltern im Haus zu hören. Der Reporter versuchte, durch den Türspalt zu sehen, konnte aber mit seinen Blicken das Dunkel nicht durchdringen. Er wartete, vergebens. Er rief, keine Antwort. Er trat auf der Stelle und winkte nach dem Team. Im Haus tat sich nichts. Es stimmte etwas nicht. Er musste hinein. Es gab kein Halten mehr, keine Hemmung und mit ein paar Schritten stand er in der finsteren Küche, griff nach dem Licht und - an einem Strick hing Lauleben, als Gegenstand. Die Leiche baumelte an einem sauber in die Decke eingebrachten Haken, an einer vorbereiteten Schlinge, der Kopf rot von durch die Gefaßwände gepresstem Blut, der abgedrückte Hals darunter in scharfem Gegensatz zur Weiße des Dekolletees. Der Redakteur fand die Fassung schnell und hatte die Story aus diesem ungeheuerlichen zeitlichen Zusammentreffen von Weltkatastrophe und Freitod des Visionär parat. Daran änderte auch der Abschiedsbrief nichts - Liebe Gudrun, ich habe es nicht mehr ausgehalten, Hennes.

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