Weit hinter den Sternen
„War’s schön im Kindergarten?“ Die Frau lächelte ihren Enkel Derek aufmunternd an. „Was habt ihr heute gemacht?“
„Wir war’n im Sandkasten. Ich hab’ den Sand gegießt!“
„So, den Sand hast du gegossen … das ist aber schön, und was wollen wir zwei jetzt machen?“
Derek besuchte sie jeden Tag. Es machte ihr Freude, die Welt durch seine Augen neu zu entdecken. Mit ihm fühlte sie sich lebendig.
„Ich will zu Lupo“, sagte Derek und ergriff ihre Hand. Langsam gingen sie, an den hohen und alten Bäumen vorbei, durch den großen Garten. Das Gehen fiel ihr schwer, immer wieder machten sie kurze Pausen. Am Ende des Grundstücks hielten die beiden an und blickten auf den Boden. An einer Stelle war die Erde heller, nicht ganz so hart und ein wenig aufgetürmt. In der Mitte des gullygroßen Hügels lag ein Quietschegummihahn, Lupos Lieblingsspielzeug.
„Wo ist der Lupo jetzt?“, fragte Derek.
„Im Hundehimmel, mein Schatz, dort, wo alle Hunde hinkommen, wenn sie gestorben sind.“ 16 Jahre war ihr Dackel-Jack-Russell-Mischling gewesen, als sie ihn vergangene Woche hatte einschläfern lassen müssen. Ein wunderbares Tier, nicht richtig gut erzogen, musste sie eingestehen, aber dieses Versäumnis war allein ihr zuzuschreiben. So ein lieber und quirliger Kamerad. Gemeinsam hatten sie viele schöne Momente erlebt. Ihr Sohn hatte den Hund in ihrem Garten begraben.
„Wie sieht’s da aus, im Hundehimmel?“, fragte Derek, ohne den Blick von Lupos Grab zu wenden. Die Oma überlegte kurz.
„Der Hundehimmel ist ein breiter und endloser Strand, wie auf Ameland.“ Auf der holländischen Nordseeinsel hatte Derek im letzten Sommer mit seinen Eltern ein paar Wochen verbracht. „Die Hunde toben dort den ganzen Tag am Wasser, jagen Stöckchen und graben im Sand.“ Lupo hatte die See geliebt. Stundenlang hatte er am Meer entlang rasen können und nach den Wellen geschnappt.
„Und wo ist der Hundehimmel, Oma?“
„Der ist weit, ganz weit hinter den Sternen.“
Derek sah hinauf zu den Wolken. Plötzlich schoss ihm durch den Kopf: „Er hat sein Quietschetier nicht mit!“
„Im Himmel gibt es genügend Spielsachen für die Hundchen. Lupo ist glücklich dort. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen“, versicherte sie.
„Wenn du tot bist, kommst du dann auch in den Hundehimmel?“ Derek schaute seine Oma an. In letzter Zeit machte sie sich häufig Gedanken über den Tod. Niemand lebt ewig. Der Gedanke, dann wieder mit ihrem Mann vereint zu sein, gefiel ihr. Aber das Leben und vor allem ihr Enkel würden ihr fehlen.
„Nein, die Menschen kommen in den Menschenhimmel. Dort sehen wir dann alle wieder, die vor uns gestorben sind.“
„Ich will aber in den Hundehimmel, ich will an den tollen Strand!“ Derek schmiss sich hin und hämmerte seine Fäustchen auf den Boden.
„Hunde- und Menschenhimmel liegen direkt nebeneinander. Die Tiere tummeln sich am Wasser und die Menschen liegen in den Dünen und träumen. Das ist nicht weit, du kannst jederzeit zu ihnen gehen.“
„Ist das auch wahr, Oma?“
„Ja, wenn du ganz fest dran glaubst, wird es so sein.“
Sein Kummer war verflogen. „Wenn Lupo so viel spielt, hat er doch Durst! Hast du sein Grab heut’ schon gegießt?“
„Nein, ich habe es noch nicht gegossen!“ Sie lächelte.
„Dann lass es uns jetzt gossen!“, rief Derek und rannte zurück zum Haus, um Wasser zu holen.



