Polly Peachum
„Stopp! Sofort aufhören! Meine Güte, ist das denn so schwer?“ Selbinger stürmte auf die Bühne, “Die Polly hat soeben erfahren, dass Mackie Messer ein Verhältnis mit Lucy hat! Was meinst du wohl, empfindet sie?“
„Vielleicht Wut?“ Babsis Stimme war nur noch ein Hauch.
„Ganz sicher empfindet sie Wut! “ Gereizt schlug Selbinger mit der flachen Hand an die Gitterstäbe von Mackies Gefängnis, „am liebsten möchte Polly der Nebenbuhlerin die Augen auskratzen!“
„Hab ich´s nicht schon immer gesagt?“, zischte Maria. „Sie taugt nicht für die Polly.“ Beifälliges Raunen drang aus dem dunklen Zuschauerraum, wo die Chorsänger seit fast einer Stunde auf ihren Einsatz warteten. Beschämt flüchtete Babsi in die Garderobe.
„Pause!“ Selbinger zwang sich zur Ruhe, „In zwanzig Minuten proben wir diese Szene noch einmal.“
Der Raum leerte sich, man rollte mit den Augen, aber niemand wagte zu murren.
„Wegen deiner Unfähigkeit muss ich stundenlang in diesen alten Dingern stehen,“ giftete Maria und kickte die Schuhe unter den Garderobenständer. „Überhaupt ist das ein albernes Kostüm.“ Sie griff nach ihren Zigaretten und verschwand.
Babsi blieb allein zurück.
Selbinger hatte ihr vor einigen Wochen die begehrte Rolle der Polly Peachum angeboten und versichert, ihr Talent würde die Unerfahrenheit aufwiegen. Alle hatten sich mit Babsi gefreut.
Alle – außer Maria, der heimlichen Diva des kleinen Theaters. Als 'Lucy' musste Maria sich zum ersten Mal mit einer Nebenrolle begnügen und hatte nur die Eifersuchtsszene mit Polly vor Mackie Messers Gefängnis zu spielen.
Schon bald nach Beginn der Probenzeit spürte Babsi, wie Maria, versteckt hinter einer Fassade aus Hilfsbereitschaft, einen vernichtenden Konkurrenzkampf führte. Ungebeten erschien sie zu Babsis Proben, sprach wispernd die Textpassagen mit, bereit, ihr beim kleinsten Fehler ins Wort zu fallen und den Satz flüssig zu Ende zu sprechen. In den Pausen nahm sie Babsi zur Seite, verwirrte sie mit zahlreichen Ratschlägen und trällerte, scheinbar gedankenverloren, den Song der Seeräuber-Jenny. Alle sollten hören, dass sie die bessere Polly gewesen wäre. Babsi war zu wenig abgebrüht, um dem Druck ihrer Kontrahentin standzuhalten. Wie ein schleichendes Gift zersetzten Zweifel ihr Selbstvertrauen und unterwanderten auch die Stimmung in der Truppe. Jetzt standen sie draußen im Foyer und tuschelten ganz bestimmt über ihr Versagen. Sie betrachtete sich kritisch im Garderobenspiegel und sah ein fahles Gesicht ohne Leben.
War sie der Polly wirklich nicht gewachsen?
Gerade erhob sich Marias scharfkantiges Gelächter, als Babsis Blick auf die Säge des Bühnenbauers fiel, die vergessen zwischen Kostümen und Requisiten lag.
Ihre Lippen wurden schmal.
Selbinger saß grübelnd im Zuschauerraum und traf schließlich schweren Herzens eine Entscheidung. Nach dieser Probe würde er Maria und Babsi umbesetzen.
„Es geht weiter“, rief er lahm.
Babsi war als erste auf der Bühne, Selbinger vermied ihren Blick und konnte das Flackern in ihren Augen nicht sehen.
„Mackie sitzt im Gefängnis, Polly und Lucy geraten sich in die Haare – Maria, wo bleibst du?“
„Ich komme gleich“, rief Maria aus der Garderobe, „ich muss nur noch die Schuhe anziehen.“
Leichte Röte überzog Babsis Wangen.
Das Klack-Klack der zierlichen Absätze näherte sich.
Auf der Treppe zur Bühne knickte Maria plötzlich ein und griff sich, hysterisch schreiend, an den Knöchel. Schnell entstand eine unheilvolle Schwellung und Selbinger musste sie ins Krankenhaus fahren.
Bis zur Première musste hastig eine neue Lucy eingelernt werden. Die Kritiker waren voll des Lobes: Mit Berthold Brechts 'Dreigroschenoper' sei Selbinger und seinen Laienspielern eine anspruchsvolle Inszenierung gelungen. Außerdem habe er ein hervorragendes Gespür für junge Talente gezeigt.
Der Kostümmeister wurde angewiesen, alle Schuhe aus dem Fundus gründlich auf die Sicherheit ihrer Absätze zu überprüfen.



