Kurzgeschichten 1 / 2009
1. Barbara Wetegrove: Bis zum nächsten Mal
Während Julia sich dem Leser in jedem Detail ihres Aussehens, kleinen Handlungen, der Mimik und Gestik wachsender Verzweiflung offenbart, führt die Autorin vortrefflich die Tragik der klassischen Geliebten vor. Julia hat schon längst die Vergeblichkeit ihres Wartens begriffen, als sich schließlich mit dem Telefonklingeln ihr Schicksal besiegelt. Als Geliebte steht sie immer an zweiter Stelle – und wird doch ein nächstes Mal wieder genauso herbeisehnen. Eine Erzählung, die knapp, klar und präzise geschrieben ist. Spannung und Tragik stehen hier ganz eng beieinander.
2. Helga Koch: Timmys letzter Weg
Geschickt gesetzte Andeutungen am Anfang bezeichnen den Riss in Patricks Welt. Dennoch trifft ihn die Nachricht, dass der Hund eingeschläfert werden soll, mit voller Kraft. Denn Kinder verdrängen zunächst, was sie nicht ertragen können. Äußerst sensibel bringt die Geschichte diesen Zusammenhang zum Ausdruck, ohne die Gefühle auszusprechen. Die Zwischentöne klingen umso deutlicher. Eine zutiefst ergreifende Geschichte über den Tod eines kranken Tieres und die Bedeutung dieses Todes für das Kind.
3. Kerstin Malli: Zeitensprung
In deutlichen Bildern erzählt die Autorin von einem Milieu, das die meisten nur als Kindheitserinnerung kennen: dem Jahrmarkt. Erzählperspektive und Erzählzeit rücken das Geschehen in unmittelbare Nähe – ein geschickter stilistischer Kniff. Denn durch Ich-Figur und Gegenwartsbezug fühlt der Leser sich gleichsam als Teil des Geschehens. Alles wirkt unmittelbar und nah, auch die Begegnung mit dem jungen Mann, dem der Tod vorhergesagt wird. So schafft die Autorin es, von Anfang an das drohende Unheil, das im Reißen der Karussellketten seine furchtbare Kraft entlädt, im Kopf des Lesers zu verankern. Ein Text, der nicht zuletzt in der Konsequenz, mit der die Handlung zur Katastrophe geführt wird, fasziniert.
4. Rosemarie Clemens Edelkraut: Mit einer Stunde um die Welt
Witzig und pointiert macht die Autorin sich über das alljährliche Ritual der Zeitumstellung Gedanken, indem sie die im Frühjahr eingesparte Stunde auf Reisen schickt. Geglückt ist der flotte Ton, in dem die Stunde von ihren Eindrücken in den fremden Ländern erzählt und sich, ein großer Spaß für den Leser, in allen möglichen Sprachen selbst wiederfindet und benennt – um am Ende schmunzelnd die Frage zu stellen, ob nicht am glücklichsten diejenigen Menschen sind, die nicht auf die Zeit schauen – sondern sie einfach nutzen. Eine schöne Pointe.
5. Ingeborg Schipflinger: Wenn die Sonne zerbricht
Diese Geschichte ist sehr dicht erzählt. Darin auch liegt ihre besondere Kraft. Bei aller Klarheit ist die Sprache aufs Wesentliche reduziert und spiegelt beides: das einfache und, wie es zunächst scheint, friedliche Leben von Khadija und ihrer Großmutter und dann die Sprachlosigkeit angesichts einer Wirklichkeit, in der Kinder von Minensprengsätzen brutal in der Luft zerfetzt werden. Die Geste jenes Mannes wird zum eindringlichen Bild für die Verzweiflung über politischen Terror, der Menschen so sinnlos sterben lässt wie das kleine Mädchen und seine Großmutter.
6. Stefan Jasch: Der Tellerkrieg
Der humorvolle Stil des Textes offenbart sich schon mit den ersten beiden Fragen, deren provokante Rhetorik den Leser sogleich in die Geschichte hineinzieht. Denn eigentlich entspricht der „Typ Mann“, über den der Autor sich hier so herablassend äußert, ja ziemlich genau einer Idee von Gleichberechtigung, die Grundlage moderner Ehen ist. Wenn also der Sohn im Kindergarten Schwierigkeiten bekommt, weil er sich wie der Vater zuhause verhält, so wundert das niemanden. Aus diesem Widerspruch heraus entwickelt sich auch der besondere Witz der Geschichte, der in der Provokation den Leser zugleich schmunzeln lässt.
7. Ulrich Kielhorn: Tim, Frau Klimova und das größte Glück
Einfühlsam wird erzählt, wie Tim, der zwar in der erfolgsorientierten Welt der Eltern aufwächst, doch spürt, wie fern Mutter und Vater den wirklich wichtigen Dingen im Leben sind. Sie leben in einer Welt voller Vorurteile und fragen so auch nicht nach dem besonderen Schicksal der Russin, während das Kind das Unglück der alten Frau sogleich begreift. Schließlich weiß Tim, wie die Einleitung anschaulich vorführt, was es bedeutet einsam und unverstanden zu sein. Überzeugend wird hier ein Lebensstil, der nur auf Geld und Karriere abzielt, kritisch hinterfragt und in seiner Überheblichkeit entlarvt.
8. Gisela Schäfer: Unerwartet
Die Überschrift ist für die Geschichte Programm – insofern ein gut gewählter Titel. Denn „unerwartet“ ereignet sich hier alles, einfach weil es in der Natur von Verwechslungen liegt, dass ein Geschehen nicht den vorgezeichneten Mustern folgt. Geschickt arbeitet die Autorin mit den Möglichkeiten eines personalen Erzählers. Der nämlich springt mühelos zwischen Situationen und Figuren hin und her, so dass die die Zusammenhänge - wie oft im wirklichen Leben – auch in der Geschichte nur bruchstückhaft verstehen, während der Leser über alles bestens informiert ist – und den Kunstgriff mit einem Schmunzeln quittiert.
9. Roland Hörnig: Stadtkind
Trostlosigkeit spricht aus jeder Zeile. Prügelnde Väter, eine alkoholkranke Mutter – da ist es nur konsequent, wenn es dem jugendlichen Erzähler, der Trost und eine Gegenwirklichkeit nur im Fernseher findet, buchstäblich die Sprache verschlagen hat. Genau das versucht der Text umzusetzen: dieses stumpfe Leben, welches dennoch eine Sehnsucht hat, wie sie wunderbar in dem Tigerbild von Anfang und Ende zum Ausdruck kommt, möglichst nah an der Wirklichkeit zu spiegeln. Der Stil nun ließe sich noch etwas abwechslungsreicher gestalten – dennoch zeigt die Geschichte eindrucksvoll, wie eng Inhalt und sprachliche Form zusammengehen können.
10. Ulrike Rosina Rädler: Das Telefonat
Vortrefflich zeigt „Das Telefonat“, wie sich eine Geschichte aus mehreren Gesprächssituationen, die nur durch kurze Zwischentexte miteinander verbunden sind, entwickeln lässt und dabei alle Bedingungen für einen guten Unterhaltungstext erfüllt. Anschaulich, lebendig und mit einer guten Spannung wird hier von einem Missverständnis erzählt. Die beiden Frauen, die zu zufälligen Gesprächspartnerinnen werden, als die eine sich verwählt, sind als Figuren in der ganzen Unterschiedlichkeit ihres Charakters unmittelbar präsent. So authentisch und wirklichkeitsnah wirken Sie nicht zuletzt durch den realistischen Ton der Unterhaltung, der aber nirgendwo in falsche Umgangssprache oder eine floskelhafte Ausdrucksweise abgleitet.



