Bis zum nächsten Mal

Es war früh dunkel geworden. Regen trommelte gegen das Fenster. Julia stand im Bad des Hotelzimmers und machte sich sorgfältig zurecht. Lidschatten, der ihre ungewöhnliche Augenfarbe betonte, Mascara,  Lippenstift in einem dunklen Rot. (Irene macht sich nie hübsch!) Julia stellte sich vor den Spiegel des Kleiderschranks. Das schwarze Etuikleid betonte ihre gute Figur. Auf dem Rock zeichneten sich die Knöpfe der Strapse ab, die sie trug. Die schlichten Wildlederpumps mit den hohen Absätzen streckten ihre etwas zu kurzen Beine. (Irene trägt immer nur Gesundheitslatschen!) Julia schaltete den Fernseher ein und zappte sich durch die Programme.  Eine Familien-Sitcom weckte ihr Interesse. Sie ließ sich auf dem Bett nieder und versuchte, sich auf die Dialoge zu konzentrieren. Eine freudige Unruhe erfüllte sie. Lange hatte sie ihn nicht gesehen, denn Irene blieb in letzter Zeit gerne zu Hause. Julia hatte unter dieser Zwangstrennung sehr gelitten. In vielen schlaflosen Nächten hatte sie sich vom Selbstmitleid überrollen lassen, ihre Einsamkeit beweint. Aber nun war alles gut, gleich würde sie ihn sehen!  Sie freute sich auf die Komplimente, die er ihr machen würde. (Irene gibt sich einfach keine Mühe mehr!) Sie konnte nicht still sitzen. Am liebsten hätte sie die Schuhe von den Füßen gekickt, aber sie hatte Angst, sie nicht schnell genug wieder anzukriegen um für ihn perfekt zu sein. Die Sitcom war zu Ende. Werbung, dann die Nachrichten. Sieben Uhr! Gleich war es soweit! Sie hüpfte aus dem Bett und lief noch einmal schnell ins Bad. Sie tupfte einen Tropfen Parfum ins Dekolletee, das hatte sie vorhin vergessen. (Irene findet, dass ein gewaschener Körper genug Duft verströmt.) Zehn nach sieben. Wahrscheinlich stand er im Stau, im Feierabendverkehr. Julia überprüfte noch einmal ihr Make up im Spiegel.  Sie wischte sich etwas Lippenstift von den Schneidezähnen.

Ihr Magen knurrte laut. Sie suchte ihre Handtasche und fand darin eine zerknitterte Tüte mit Lebkuchenherzen. Hastig schlang sie drei davon hinunter und spülte danach den Mund mit Wasser aus. Sie kontrollierte die Zähne im Spiegel, alles in Ordnung. Wieder setzte sie sich aufs Bett. Zwanzig nach sieben. Sie starrte auf den Fernseher und versuchte, das beklemmende Gefühl in ihrer Brust zu ignorieren. Er würde gleich da sein, ganz sicher. Sie rückte sich das Kissen zurecht und verfolgte die Bilder im Fernsehen. Plötzlich schreckte sie auf. Sie war doch tatsächlich eingedöst! Sie sah auf die Uhr. Viertel vor acht. Sie spürte ein Brennen in den Augen. Nein, jetzt bloß nicht heulen! Sie versuchte, die  aufkeimende Enttäuschung zu ignorieren und sprang aus dem Bett. Nicht weinen, nicht weinen! Sie lief im Hotelzimmer auf und ab und wedelte mit den Händen. Nicht heulen, denk an das Make up! Acht Uhr. Wo blieb er denn nur? Jetzt ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Sie hatte das Gefühl zu ersticken. Das Fenster ging , wie die meisten Hotelzimmerfenster, nicht auf. Sie bekam keine Luft! Der Mascara rann ihr in schwarzen Bahnen über das Gesicht. Sie schluchzte und rang nach Luft. Das Schluchzen ging in ein Würgen über und sie erbrach die Lebkuchenherzen in die Toilette. Sie stand vom Boden auf und ließ am Waschbecken kaltes Wasser über ihre Handgelenke rinnen. Sie atmete tief ein und aus. Sie schleuderte die Pumps von den Füßen und legte sich auf das Bett, ihren Kopf drückte sie in das kühle Kissen. „ Ich kann das nicht mehr aushalten“, dachte sie. Das Handy auf dem Nachttisch klingelte. „Ich bin`s“, flüsterte er, „es tut mir so leid, aber ich kann nicht kommen, Irene ist krank. Ich muss auflegen. Ich melde mich. Tschüß und i.l.d.“ Klick. Das Gespräch war  beendet. Julia legte sich wieder hin, das Handy hielt sie fest umklammert. „ Tschüß“, flüsterte sie unter Tränen, „bis zum nächsten Mal.“  

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