Unerwartet
Heinrich Wollmacher schloss seinen Hausbriefkasten auf. ,Sicher wieder bloß Reklame!’, brummte er vor sich hin, als er das Fach öffnete. Nein, diesmal nicht. Ein unbeschriebener Umschlag lag da, den er gleich aufriss. Ein Zettel fiel ihm entgegen. In großen Druckbuchstaben stand da: „WARUM STREITEN WIR UNS IMMER? ICH HABE DICH DOCH SO LIEB. DARF ICH NACHHER MAL VORBEIKOMMEN?“ Keine Unterschrift.
Heinrich war perplex. Die Zeilen konnten nur von seiner Tochter Hildegard stammen; denn der Brief war nicht mit der Post gekommen, also privat eingeworfen worden. Sie hatten am Vortag eine Auseinandersetzung gehabt. Wegen einer Kleinigkeit natürlich. Sie war laut geworden, er genauso, und dann war sie wütend aufgesprungen und hinausgehastet. Rums, die Tür knallte zu! Die Streiterei mit dem unerfreulichen Ende setzte ihm sehr zu. Hildegard war sein einziges Kind. Seit seine Frau vor zwei Jahren plötzlich verstorben war, sorgte sie sich sehr um ihn. Er wurde zwar mit seinen vierundsechzig Jahren ganz gut alleine fertig. Aber sie putzte ihm jeden Freitag die Wohnung, schaute mehrfach wöchentlich bei ihm rein, rief zwischendurch immer wieder an und war einfach, wenn er ein Problem hatte, mit Rat und Tat an seiner Seite. Wenn sie nur nicht so herb und kühl gewesen wäre! Er wünschte sich so sehr, sie würde ihn mal in den Arm nehmen und ihm etwas Herzliches sagen. Das tat sie leider nie. Und nun so liebevolle Zeilen!
Gerührt legte Heinrich den Zettel auf den Tisch und streichelte leise darüber. Die Schrift war nicht zu erkennen. Aber sie hatte wohl absichtlich die Druckschrift gewählt. Als Hildegard eine Stunde später kam, drückte der Vater sie an sich. Sie war erstaunt. Das war sie nicht gewohnt. Kaffeeduft zog herzhaft durch die Wohnung. Auch das war außergewöhnlich. Er trank sonst nachmittags Tee, den sie nicht so liebte. „Deine Worte haben mich sehr bewegt“, sagte er, als sie ihm ins Wohnzimmer folgte. Das verwunderte sie noch mehr; denn die letzten Worte, die sie miteinander am Vortag gewechselt hatten, waren laut und wütend gewesen. Auf beiden Seiten. Aber das war ja nun gottlob vorbei. Plötzlich konnten sie miteinander reden. Richtig reden, nicht schreien. Es war ein Gespräch, das ihnen beiden gut tat. Keine Anschuldigungen, keine Vorwürfe. Jeder sprach davon, wie er sich gefühlt hatte, und jeder verstand, wie es in dem anderen aussah. Als Hildegard ging, war alles anders als sonst. Sie lachten sich an und nahmen sich gegenseitig in den Arm.
Am Abend klingelte es nebenan bei Carina Berger Als die junge Frau öffnete, stand ihr Freund Achim vor ihr, mit dem sie sich am Tag zuvor entzweit hatte, - so heftig, dass sie nichts mehr von ihm wissen wollte. „Du?“, sagte Carina und schaute ihn mit einem Gesicht an, das er nicht so recht deuten konnte; es war eine Mischung aus Kühle, Abweisung und freudigem Erstaunen. „Darf ich reinkommen?“, fragte er bittend. Sie machte wortlos eine einladende Geste und ließ ihn eintreten. „Mit dir hätte ich nicht gerechnet“, sagte sie dann. „Wieso?“, entgegnete er. „Hast du denn meine Zeilen nicht gelesen?“ „Was für Zeilen?“, fragte sie. „Ich habe nichts bekommen. Im Briefkasten war nichts, ich habe vor ein paar Minuten erst nachgeschaut.“ „Seltsam“, sagte Achim. „Aber ist ja auch egal. Die Hauptsache ist doch, dass wir wieder miteinander reden.“ „Was stand denn in dem Brief?“, fragte Carina. „Dass ich dich liebe“, sagte Achim und gab ihr einen Kuss, der sehr lange dauerte...




