Zeitensprung
Ich trete vor mein Zelt und lasse den Anblick der vielen Menschen, die unseren Jahrmarkt besuchen, auf mich wirken. Familien, Pärchen und Jugendliche, die möglichst unbeeindruckt aussehen wollen, schlendern über den großen Platz. Die milde Luft ist angefüllt mit Stimmengewirr und dem verheißungsvollen Duft nach Zuckerwatte, Pizza und anderen Leckereien.
Die Glöckchen am Eingang zu meinem Zelt bimmeln. Der erste Neugierige ist meinem Schild „Werfen Sie mit Sarah einen Blick in Ihre Zukunft“ gefolgt. Ich drehe mich um und betrete mit einem jungen, sehr blassen, dunkelhaarigen Mann mein Zelt. Wir setzen uns. Er weckt ein komisches Gefühl in mir. Eine Art Fluchtinstinkt. Mit leicht zittrigen Händen greife ich nach meinen Tarotkarten und erkläre ihm, wie wir vorgehen werden. Während er die Karten mischt beobachte ich ihn verstohlen. Er sieht aus wie Jemand, der einen Schock erlitten hat. Er wirkt desorientiert und spricht kaum ein Wort. Überhaupt ist es äußerst still um mich geworden. Ich würde gerne rausgehen und nachsehen, ob die Besucher und Guido, der Feuerspucker am Stand nebenan, noch da sind. Ich lausche – aber ich höre nichts. Es ist, als wären wir in einem luft- und schalldichten Raum. Die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf.
Die erste Karte, die er aufdeckt ist die „10 der Schwerter“. Ich erkläre ihm, dass sie für ein Ende oder einen Abschluss steht. Möglicherweise in Verbindung mit einer Krise. Er dreht die nächste Karte um und zuckt heftig zurück. „Der Tod“ liegt zwischen uns auf dem Tisch. Mir wird plötzlich eiskalt und wir blicken uns sekundenlang in die Augen. Ich spiegel mich nicht in Seinen…Entsetzt beuge ich mich vor, da springt der junge Mann auf und verlässt fluchtartig das Zelt. Erschöpft, als hätte ich einen gewaltigen Fußmarsch mit schwerem Gepäck hinter mir, bleibe ich zurück und starre regungslos auf die Karte. Eigentlich steht „Der Tod“ für ein Ende, Umwandlung und Neubeginn. Und nur äußerst selten für den physischen Tod. Draußen lachen Kinder, plötzlich kehren die Geräusche zurück.
Zwei Tage später sehe ich den jungen Mann wieder. Er ist weniger blass und wirkt richtig fröhlich. Als er mit einer zierlichen blonden Frau an mir vorbeigeht, lächelt er mich an, jedoch ohne ein Zeichen des Wiedererkennens. Die beiden stellen sich am Kettenkarussel an. Er setzt sich in eine der schaukelnden Schalen. Sie ist rot. Und plötzlich weiß ich, was vor zwei Tagen passiert ist. Ich habe nicht in die Zukunft geschaut, sondern die Zukunft hat in die Gegenwart und ihre eigene Vergangenheit gesehen. Ein Phänomen, von Dem meine Urgroßmutter mir erzählte. „Weißt du, Sarah, nur weil die Menschen seit 2000 Jahren die Zeit in Stunden, Tage, Jahre und auch noch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einteilen, ist sie nicht linear. Und die Zeitphasen sind nicht genau getrennt voneinander. Es gibt manchmal Überschneidungen, Sprünge. Merk dir das.“ Ein furchtbares, metallisch kreischendes Geräusch unterbricht meine Gedanken, und es folgt eine sekundenlange, tiefe Stille. Und als die Ketten bei voller Fahrt reißen, sehe ich den jungen Mann in seinem roten Sitz durch die Luft fliegen und mein leises Wimmern mischt sich mit den angstvollen, panischen Schreien, der Menschen, die in den wolkenlosen Himmel geschleudert werden.




