Stadtkind

Im Zoo hat der Tiger in die Gitter gebissen. Später ist er vor lauter Einsamkeit gegen die Stahltür gerannt. Er ist da­ ran gestorben. Das habe ich in einem Film gesehen.
Ich mag die Filme, in denen was passiert. Ich kann mich ab­ lenken, Popkorn essen und Cola trinken. Wenn Autos durch die Luft fliegen, wenn Kinder lachen und wenn Außerirdische die Menschheit bedrohen, ist es schönes Kino. Mir gefällt das Ki­no, was im Fernseher läuft. Es lebt, frisst meine Zeit auf. “Will hier jemand was Gutes aus Milch? Mit viel Kalzium? Fruchtzwerge? Hauptsache, die Gläser sind schön rein, dann klappt‘s auch mit dem Nachbarn . . .“  
Das Kino erzählt von Menschen. Das Kino erzählt von Träumen. Stunde um Stunde, ununterbrochen. Das Leben ist bunt, in Reichweite und aus zweiter Hand. In fast allen Zimmern steht ein Fernseher, eingeholt in Zigarettenqualm. Kalter Rauch, wie bleicher Nebel auf dem morgendlichem Asphalt.
“Hast du nichts Besseres zu tun, als vor der Glotze rumzuhängen? Was ist mit dem Mülleimer, was?“
“Gleich, Mutter.“
“Oder geh mal wieder in die Schulel“
“Es ist zu frisch, Mutter.“
“Den Pennern ist auch nicht frisch . . .“
“Die Penner schlafen noch.“
“Du hast für alles eine Ausrede ...  

Vater war betrunken, als er nach Hause kam und wild auf mich eindrosch. Er hatte seinen Job verloren, und dieses Mal end­ gültig. Draußen ging gerade die Sonne unter. Eine warme, blutrote Sonne, die den Herbst unvergesslich machte. Den Herbst mit Fußball spielen, Scheiße bauen, der ersten Ziga­ rette. Rita hatte mich ihre Brüste streicheln lassen. Sie hatte mich sogar zwischen ihre Beine fassen lassen. Ein Herbst mit warmer, blutroter Sonne. Warm und blutrot wie mein T-Shirt, als Vater von mir abließ.
“Du weißt, wofür?“
“Ist doch egal, wofür.“
“Schnauze, sonst gibt es noch ‘ne Tracht, Idiot!“
Während sich Liam einen Totenkopf auf den Unterarm stach, entschied ich mich für ein Herz. Mit diesen Tätowierungen konnten wir vor Rita angeben, wenn wir sie besuchten. Wir er­ freuten die Fünfzehnjährige mit zahlenden Männern. Rita er­ freute uns mit freiem Blick auf ihre Haut, bis wir einen Steifen hatten.

Nach der dritten Scheidung wurde Mutter grausam. Die Schule meinte, dass ich sitzen bleiben werde. Mein Sportlehrer, dem ich mich unter der Dusche prostituiert hatte, landete im Knast. Er hatte es noch mit anderen Jungs getrieben; einer hatte ihn verpfiffen. Nun konnte er mich nicht mehr schützen. Mutter war genervt.

“Wenn du denkst, mit zwölf ist man erwachsen, dann verhalte dich auch so! Los, wenn du mein Sohn bist, bringe endlich Geld nach Hause, ansonsten gibt es nichts zu fressen. Beweg dich endlich, statt den Fernseher anzustarren!“

Gestern, in dem Film, hat ein Junge Holz gehackt. Dafür hat er Taschengeld bekommen. Und einen Kuss von seinen Eltern. Der vierte Mann, zu dem ich Vater sagen sollte, brachte mir das Leben bei. Er sagte, erstens, Bengel, Prost! Zweitens: Die, die Geld haben, müssen beklaut werden. Wie das passiert, ist scheißegal. Entweder kriegen sie was in die Fresse oder man droht ihnen mit dem Messer. Und mit der Kohle geht man saufen. Willkommen in der Wirklichkeit…
Wenn ein Film zu Ende ist, kommt meist der schöne Schluss. Die Leute sind voll fröhlich, manche weinen auch, und die Mu­sik ist richtig cool. Dann denke ich, verdammt! Verdammt, warum bin ich jetzt hier. Warum bin ich ein Kind in dieser schattenlosen Stadt. Und Liam wichst vor Langeweile. Im Zoo hat der Tiger in die Gitter gebissen. Später ist er vor lauter Einsamkeit gegen die Stahltür gerannt. Er ist da­ ran gestorben. Das habe ich in einem Film gesehen.

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