Mit einer Stunde um die Welt

Wenn im Frühjahr die Uhren zurück gestellt werden, können wir eine Stunde länger schlafen. Doch was macht diese Stunde im Sommer?

Beim ersten Mal war sie empört. Man hatte sie, eine ganze wertvolle Stunde, einfach überschlagen. Sie fühlte sich überflüssig, nicht beachtet und ungeliebt. Was war nur in die Menschen gefahren, die sonst immer rennen, hetzen und nie genug Zeit haben?

Sie verstand es zwar nicht, aber die Züge im Bahnhof fuhren eine Stunde früher los. Sie hörte die Kühe im Stall überrascht muhen, als sie früher gemolken wurden. Die Kinder waren unausstehlich, weil sie eine Stunde früher aufstehen und zur Schule gehen mussten, soweit sie nicht Ferien hatten und von daher länger schlafen konnten.

So wartete sie fassungslos einen ganzen Sommer auf den Oktober, bis sie endlich wieder gebraucht wurde. Sie hatte einen ganzen Sommer einfach mit Nichtstun verbracht. Das sollte aber im nächsten Jahr anders werden. Ferien war das Stichwort.

Sie würde einen ganzen Sommer Ferien machen. Zuerst wollte sie ein wenig reisen, ihre Sprachkenntnisse auffrischen und ihre Geschwister und Cousinen besuchen.

Als Erste besuchte sie Hour in Großbritannien und erfuhr, dass Hour geklont war. Je eine Ausgabe von Hour lebte in Kanada, USA, Australien und Neuseeland. Die wollte sie unbedingt auch besuchen, denn unsere Stunde hatte ja den ganzen Sommer Zeit.

In Kanada lebte auch ihre gemeinsame Cousine Heure. Auch diese war geklont und unsere Stunde traf sie in Frankreich, in Afrika, unter anderem in Niger, Mali, Kongo und Madagaskar, in Asien im ehemaligen Indochina, das heißt, in Laos, Kambodscha, Vietnam, in Französisch-Polynesien oder auch in der Karibik in Haiti.

Unsere Stunde war nun schon einmal um die Erde gehetzt und hätte gern noch bei Ora in Italien vorbei geschaut. Der Papst in Rom versteht unter Ora: "Bete!" Tauscht man das "a" gegen ein "o", bedeutet es "Gold".

Auch Hora in Portugal und deren Verwandte in Macao oder Brasilien und Hora in Spanien mit ihren Verwandten in Südamerika mussten auf nächstes Jahr warten, denn der Oktober nahte wieder.

Die Zeit war viel zu kurz. Die Stunde musste sich sputen, denn sie sollte sich ja wieder in die Stundenkette einreihen. Sie erlebte es als Geschenk, ihre Zeit mit Reisen und Besuchen angenehm zu verbringen und viele neue Eindrücke zu gewinnen. Sie hoffte, dass viele Menschen die zurück gewonnene Stunde mit Achtsamkeit willkommen hießen.

Sie würde sich in Zukunft mehr Zeit nehmen. Sie wollte ohne Hetze reisen, neue Bekanntschaften schließen und alte vertiefen. Heute war sie nicht mehr sauer auf die Zeitverschiebung, denn sie hatte ihre Chance genutzt und machte etwas aus der neu gewonnenen Zeit.

So freute sie sich schon auf die nächste Zeitumstellung, denn es gab noch viele Verwandte zu besuchen in Asien, Afrika, Amerika, zum Beispiel die Nunavit in Grönland. In Europa fehlten ihr ganz Ost- und Nordeuropa, z.B. ĉas in Kroatien und stund in Schweden. Außerdem hatte sie auf ihren Reisen erfahren, dass Maori und Aboriginies in Australien und Ozeanien gar keine Zeit kennen, genauso wenig wie Einheimische im Amazonasgebiet.

Das verblüffte sie. Es gab offensichtlich Menschen, die lebten, ohne auf die Zeit zu schauen. Sie nutzten einfach die Zeit, die sie hatten. Darüber musste sie unbedingt nachdenken: Welch verführerischer Gedanke!

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