Der Tellerkrieg
Kennen Sie ihn auch, den neuen Mann? Diesen weichen, verständnisvollen Typen, der sich begeistert in Haushalt und Familie engagiert? Männer bügeln heutzutage ihre Hemden selbst und können kochen. Sie wechseln Windeln, baden Babys und füttern sie. Ich bin meistens still, wenn sich meine Geschlechtsgenossen über solche Themen unterhalten, denn offenbar gehöre ich zu den Dinosauriern und bin vom Aussterben bedroht. Ich habe noch nie ein Baby gebadet und kenne mich mit Windelgrößen nicht aus. Ich kann weder kochen noch bügeln und auch sonst nichts von Bedeutung. Die Waschmaschine ist tabu, seit ich vor Jahren die Seidenpullover meiner Frau geschleudert habe, und das neue Modell des Geschirrspülers kann ich ohnehin nicht bedienen. Allerdings habe ich ihn bereitwillig gekauft. Denn eine Arbeit habe ich immer gehasst: Geschirr spülen. Nun bin ich nicht der einzige Mann im Haus. Außer mir ist da noch mein Sohn Christian, der bis zum Schulalter den Kindergarten besuchte. Dort gelten gewisse Regeln. Eine davon lautet, dass die Kinder nach Verzehr ihres Frühstücks in der Küche ihren Teller spülen. Leider fühlte sich Christian mangels häuslichen Vorbildes damit völlig überfordert. Allein dieses Ansinnen löste bei ihm einen regelrechten Kulturschock aus. Seine erste Reaktion war männlich direkt:
„Ich spüle keine Teller. Mein Vater macht das auch nie. Das ist Frauenarbeit.“ Man erklärte ihm, dass er den Teller benutzt habe, daher werde er ihn auch spülen. Das Resultat war ein Wutanfall, verbunden mit einer glatten Weigerung. Letztlich zog er den Kürzeren. Die Kindergärtnerin triumphierte. Aber ein echter Mann lernt aus Niederlagen.
Am nächsten Tag ließ Christian beim Frühstück den Teller unberührt und aß seinen Apfel direkt aus seiner von zu Hause mitgebrachten Dose. Den Teller spülen? Wieso? Der ist doch gar nicht benutzt. Es herrschte Gleichstand im Kampf der Geschlechter. Nun wurde es unfair. Am anderen Tag hieß es:
„Du wirst den Teller benutzen! Du isst nicht aus der Dose! Danach spülst du!“ Wutanfall, Weigerung, aber am Ende 2:1 für die Kindergärtnerin. Normalerweise wäre die Geschichte damit beendet gewesen. Doch auch Männer besitzen eine gehörige Portion Raffinesse.
So kam es, dass meine Frau der Kindergärtnerin am Elternsprechtag unverblümt erklärte, sie solle bitte darauf achten, dass Christian genug Zeit bekäme, zu frühstücken.
„Aber die bekommt er. Außerdem haben Sie dem Jungen gesagt, er müsse nichts essen, wenn er nicht wolle“, verteidigte sich die Kindergärtnerin empört. „Unsinn. Das habe ich nie gesagt. Ich gebe dem Jungen das Obst mit, damit er es isst. Er vergisst es jedoch beim Spielen und Sie achten nicht darauf.“
Das war das Ergebnis der Diplomatie eines Fünfjährigen und ein klarer Punktsieg für den Mann. Als nächstes beging ich den Fehler, Christian nach dem Stand im Tellerkrieg zu fragen.
„Ich darf jetzt aus meiner Dose essen. Die Kindergärtnerin hat es mir erlaubt“, berichtete er stolz. „Ehrlich? Hast du sie mürbe gemacht?“ Ich grinste. „Am Ende kriegst du sie noch dazu, dass sie deinen Teller spült.“
Durch diese unbedachte Bemerkung sollte der Tellerkrieg seinen Höhepunkt erreichen.
Am nächsten Abend erklärte mir meine Frau verärgert, ich solle den Jungen nicht noch anstacheln. Er würde sich dadurch nur Ärger einhandeln. Verblüfft fragte ich nach dem Grund für diese nach meinem Empfinden ungerechte Maßregelung. So erfuhr ich vom Eklat im Kindergarten. Es war Christian keineswegs erlaubt, aus seiner Dose zu essen. Siegesgewiss hatte er jedoch seine Kindergärtnerin nach dem Frühstück angewiesen, gefälligst seinen Teller zu spülen. Ich hätte gesagt, dass sie das müsse. Und was ich sage, gelte immer. Erneuter Schlagabtausch, Wutanfall und konsequente Weigerung trotz Sitzens auf der Strafbank. Mittags war Christian völlig aufgelöst.
„Mama, der Papa muss unbedingt in den Kindergarten kommen und der Kindergärtnerin erklären, warum sie meinen Teller spülen muss. Sie will das nicht machen. Ich habe ihr aber gesagt, dass sie das machen muss, und Papa würde ihr auch erklären warum, weil ich den Grund vergessen habe.“
Ich muss gestehen, ich bin nicht in den Kindergarten gegangen. Aus Feigheit oder Einsicht? Vielleicht von beidem etwas. Der Tellerkrieg zog sich noch eine Weile hin. Das Essen aus der Dose wurde letztlich zähneknirschend geduldet. Wer erträgt schon freiwillig jeden Tag den Wutanfall eines lebhaften Fünfjährigen? Erziehung hat eben doch ihre Grenzen. Ebenso nervliche Belastbarkeit. Spätestens, wenn sie auf männliches Beharrungsvermögen trifft, im Volksmund auch Sturheit genannt, sind diese offenbar erreicht.




