Tim, Frau Klimova und das größte Glück

Der neunjährige Tim lief in sein Zimmer, schlug die Tür zu und ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl plumpsen. Seine Mutter hatte seine Schreibübungen als das reinste Gekritzel bezeichnet. Er dachte über sein Zuhause nach. Frühstück gab es morgens nicht. Stattdessen gab ihm seine Mutter Brote und Obst in die Ganztagsschule mit, in der er mit seinen Schulkameraden zu Mittag aß. Ein Abendessen mit seinen Eltern erlebte er selten. Meist sprachen sie dann über seinen Vater und über Dinge, die er bruchstückhaft aufnahm und die ihm völlig fremd waren: Unternehmensberatung, Senior Consultant, Neuausrichtung aktiv mitgestalten, Projekte erfolgreich managen – so hörte Tim seine Eltern angestrengt fachsimpeln. Aber so sehr er es sich wünschte, er wurde nicht in ihre Gespräche einbezogen. Seine Mutter sagte ihm, dass er stolz auf seinen Vater sein soll, der nur für seine Lieben das Geld verdient. Vater redete kaum mit ihm, ermahnte ihn aber stets mit eindringlichen Worten, dass es sehr wichtig für ihn sei, später einmal Karriere zu machen.     

Angespannt saß Tim auf seinem Stuhl. Er dachte an die alte Frau Klimova, die verwitwet war und sehr zurückgezogen im gleichen Haus lebte. Das erste Mal begegneten sie sich, als seine Mutter ihn bat, die schweren Einkaufstüten in Frau Klimovas Wohnung zu tragen, mit denen sie sich im Treppenhaus abmühte. Das war der Beginn ihrer Freundschaft, und er ging oft zu ihr. Sie war Russlanddeutsche und erzählte ihm spannende Geschichten aus einer anderen Welt – ihrer Kindheit –, denen er fasziniert zuhörte. Den Gesprächsfetzen seiner Eltern hatte Tim entnommen, dass Frau Klimova „sowieso nie gearbeitet hat“. Bisher hatte er das für sich behalten. Er erzählte ihr oft von       seinen Eltern und deren merkwürdigen Ausdrücken. Später offenbarte sie ihm, dass er der Einzige sei, der sie besucht, was Tim unbegreiflich war.       

Seine Gedanken kreisten um gestern Nachmittag. Als Frau Klimova die Tür aufmachte, sagte sie, es sei lieb von ihm, sie noch einmal zu besuchen, was ihn sehr verwirrte. Traurig erzählte sie ihm dann, dass sie als junges Mädchen eines schönen lauen Sommertages vom Weg abgekommen war. Ein Waldstück, knorrige Äste, Schüsse. Eine Zeit lang schwieg sie. Bedrückende Stille. „Stimmt es, dass du nie gearbeitet hast?“, platzte er plötzlich heraus. Ihre Miene verfinsterte sich: „In Russland, meiner Heimat, war ich Deutsche und durfte keinen Beruf ausüben. Als wir 1955 nach Westdeutschland kamen, fand mein Mann schnell Arbeit und ließ nicht zu, dass ich einer Tätigkeit nachging. Hier galt ich nur als Russin.“ Ihre Augen glänzten müde, und als sie sich vorbeugte und ihm über die Wange strich, sagte sie lächelnd: „Ach Jungchen, das alles ist nicht mehr wichtig.“ Sie sah auf die Uhr. „Halb sechs. Du musst sicher nach oben.“ Ängstlich flüsterte Tim: „Lass mich bei dir bleiben.“ Ihr Blick war leer. Wortlos griff sie nach seiner Hand und hielt sie fest umschlossen, als sie ihn zur Tür begleitete.

Tim schreckte hoch. Vorsichtig öffnete er seine Zimmertür einen Spalt breit und hörte, wie sein Vater der Mutter voller Begeisterung zurief: „Geschafft! Mein Projekt habe ich erfolgreich abgeschlossen, und bald bin ich Managing Partner. Übrigens, der Hausmeister hat bei der Klimova die Tür aufgebrochen. Sie hat mit Schlaftabletten und Wodka Abschied gefeiert – Nastrovje! Es soll einen Abschiedsbrief geben, in dem etwas von Kindern steht, die das größte Glück sind, oder so ein Geschwafel.“ Tim schloss fest die Tür.

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