Das Telefonat
Das Telefon klingelt, es ist schon spät, meine Buben schlafen. Ich nehme ab und halte inne, meinen Mund geöffnet, darauf wartend etwas sagen zu dürfen, meine Worte stecken mir im Hals fest.
Sie dürfte wohl mittleren alters sein und stinksauer: „… was glaubst du eigentlich, wer du bist? Ich kümmere mich um die Kinder, sorge für den Haushalt, koche, putze und du? Du treibst es mit einer Anderen. Was hat diese Schlampe was ich nicht habe? Getraust dich wohl nicht mehr heim, hast gemerkt, dass unsere Kinder, dich gesehen haben? Glaubst du etwa, dass Michael mit seinen sechzehn Jahren so blöd ist und nicht begreift was er gesehen hat? Du hättest ihn und Sarah erleben müssen, weinend und enttäuscht von dir. Sie haben mir, mit ihrer jugendlichen Fantasie, ihre Beobachtungen blühend unter die Nase gerieben! Das hat verdammt weh getan!“ Ihre Stimme ist rau und hart geworden, „wenn ich dich in die Finger kriege, bringe ich dich um!“
Immer noch, stehe ich am Sideboard und höre zu.
„Sogar Jenny hat mit ihren fünf Jahren schon begriffen, dass Papa mit der Tussi im Hotel ‚poppt‘. Wie konntest du nur? Du und deine dreckige …“
„Halt! Jetzt ist es genug! Ich …“ Tut, tut, tut, tut, … Für einen Moment schau ich den Hörer an, lege auf, will schon weggehen, da klingelt es noch mal. Ich nehme ab und glaube es kaum!
„Wer sind Sie eigentlich? Ich dachte, ich hätte meinen Mann angewählt. Ich, …“ Sie zögert, so ergreife ich meine Chance: „Bei diesem Vulkanausbruch, bin ich nur froh, dass ich nicht ihr Mann bin! Und ihn auch nicht kenne. Sie haben sich verwählt.“ Sie versucht ihre Fassung zu bewahren: „Bitte, verzeihen Sie mir …“ „Eigentlich ist es ganz gut, dass Sie mich erwischt haben und nicht ihren Mann.“ Erstaunt hakt sie nach: „Wieso …“ Ich ergreife flugs das Wort: „Sehen Sie, wenn Ihre Kinder eine falsche Interpretation gemacht haben, gefährden Sie Ihre gute Ehe. Sollten Ihre Kinder recht haben, brauchen Sie Fakten um den Ehebruch, so wie die Gefährdung für Ihre Kinder durch seine Rücksichtslosigkeit zu beweisen.“ „Sind Sie Anwältin?“ „Nein, ich bin eine geschiedene Mutter! Übrigens, Ihre Kinder dürfen nichts verraten.“
„Sie haben Recht.“ Sie weint und ist verwirrt, mir geht es zwar nicht so an die Nieren, aber erstaunt bin ich doch über meine Gelassenheit. „Bitte beruhigen Sie sich. Denken Sie erst einmal über alles nach. Es würde mich freuen, wenn Sie sich dann wieder verwählen.“ „Danke, für alles, Sie sind sehr nett, danke.“ Sie schluchzt und legt auf.
Die Tage vergehen. Ich grüble gerade über die Fremde hin und her, da klingelt mein Telefon: „Hallo?“
„Hallo, wir haben vor kurzem miteinander telefoniert.“
„Das muss wohl Gedankenübertragung sein. Wie geht es Ihnen?“
„Super, wir waren Gestern im Restaurant ...“ „Moment mal …“, sie ist so fröhlich, das verstehe ich nicht.
„Abwarten“, sagt sie, „Eine kleine Band spielte das Lieblingslied meiner Schwester und mir. Sie war vor rund zwanzig Jahren durchgebrannt, wir hatten keinen Kontakt mehr. Und dann kam sie hinter einem Vorhang hervor.“ Sie heult vor Freude, schluchzt und schneutzt sich die Nase. Ich habe eine Gänsehaut und kann mir die Gesichter der Kinder und ihr eigenes gut vorstellen. Grosse weit aufgerissene Augen, offener, sprachloser Mund, …
„Und stellen Sie sich vor, meine Kinder sagten, dass das die Frau ist, die Papa im Foyer des Hotels innig umarmt hat.“
„Und dabei hätte der Gute doch fast noch einen Anschiss kassiert!“, lache ich. „Ich bin ja so dankbar, dass Sie es waren, die ich am Telefon erwischt hab und dabei weiss ich noch nicht einmal Ihren Namen …“




