Celina

von Andrea Severit


Celina schaut in den Papierkorb neben der Parkbank. Nichts. Kein guter Tag heute. Es ist zu kalt. Nicht viele Leute draußen. Sie geht weiter über die Rasenfläche und bückt sich, um unter die Büsche gucken zu können. Sie dringt tiefer in das Gebüsch ein und kommt endlich wieder zum Vorschein, eine braune Glasflasche in der Hand. Besser als nichts. Die Flasche wird ihr 25 Cent einbringen, aber an guten Tagen verdient sie manchmal sogar 2 Euro. Das ist ihr Taschengeld. Sie muss es sich selbst verdienen. Ihre Mutter hat nicht genug Geld, um ihr und ihren drei Geschwistern etwas geben zu können.

Mit der Flasche in der Hand macht sich Celina auf den Heimweg. Die beige Steppjacke, die ihre Mutter ihr über die Tauschbörse besorgt hat, ist schön warm. Trotzdem sieht ihr schmales Gesicht blass und verfroren aus. Sie ist lange draußen gewesen, ohne Handschuhe und ohne Mütze. Ihre dünnen blonden Haare trägt sie zu einem Pferdeschwanz zurück gebunden, ein paar Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Ihre blauen Augen sehen wissend aus und entschlossen. Morgen wird sie woanders suchen, aber jetzt ist sie müde und hat Hunger.

Celina ist neun Jahre alt. Sie geht in die dritte Klasse und lernt gern. Am liebsten mag sie Lesen. Sie liest viele Tiergeschichten, weil sie später Tierärztin werden möchte. Ihr größter Wunsch ist ein eigener Hund, aber sie weiß, dass das nicht geht. Die Wohnung ist zu klein und Mama hat kaum Geld genug, um das Essen für die Familie zu kaufen. Sie achtet immer auf Angebote und kauft auch oft Sachen, deren Haltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist. Die sind dann billiger.

Celina kommt an einem Spielzeuggeschäft vorbei. Sie bleibt stehen und schaut suchend ins Schaufenster. Geht ganz nah heran. Ihre Nase berührt fast die Scheibe. Die Playmobilsachen

interessieren sie nicht, aber weiter hinten, etwas erhöht steht Barbie mit langem blonden Seidenhaar in einem pinkfarbenen Ballkleid. Sie ist wunderschön und unerreichbar.

Celina spart schon lange auf eine Barbie-Puppe. Ihr Geld reicht noch nicht, aber wenigsten kann sie Barbie jeden Tag ansehen.

Der Block, in dem Celina mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern wohnt, kommt in Sicht. Das letzte Stück läuft sie. Sie hat kalte Hände. Ihre Finger sind schon ganz steif. Mühsam kramt sie den Schlüssel aus der Tasche, sperrt die Eingangstür auf und läuft die Treppe zum zweiten Stock nach oben. Es riecht nach Essen. Celina öffnet die Wohnungstür, stellt die Flasche ab, zieht schnell Jacke und Schuhe aus und schlüpft in ihre Hausschuhe. Sie hängt die Jacke an den Haken und stellt ihre Schuhe ordentlich neben die anderen Paare. Sie hört ihre jüngeren Geschwister, die sich streiten.

In der Küche klappert Geschirr. Mama deckt den Tisch für das Abendessen. Celina läuft in die Küche, gibt ihrer Mutter einen Kuss und zeigt ihr stolz die Flasche, die sie heute gefunden hat. Die Mutter sieht müde aus, aber sie streichelt ihrer Tochter liebevoll die Wange.

Auf dem Herd steht ein großer Topf. Darin kocht eine Suppe aus Kürbis, Kartoffeln und Zwiebeln. Der restliche halbe Kürbis leuchtet orange auf der Arbeitsplatte. Celina hat jetzt richtig Hunger. Hoffentlich schneidet Mama heute noch ein paar Würstchenscheiben in die Suppe. Vor dem Abendessen muss sie noch Hausaufgaben machen. Wie-Wörter finden und Gegensatzpaare bilden. Das ist nicht schwer. Damit ist sie schnell fertig. Und nach dem Abendessen kann sie in dem Pferdebuch weiter lesen, das sie sich aus der Schulbibliothek mitgebracht hat. Wenn Mama die Kleinen ins Bett bringt. Sie ist ja Mamas Große und darf länger aufbleiben.

 

 

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