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In besseren Kreisen
von Ann Kathrin Heil
Das Essen war fabelhaft, aber es war Zeit zu gehen. Verstohlen sah ich mich um. Ich saß in einem sündhaft teuren Restaurant, dessen Klofrau mehr verdiente als ich. Die Gänge waren mit Perserteppichen ausgelegt, schwere Brokatgardinen zierten die hohen Salonfenster und das Personal trug feine seidene Kostüme. Dass ich hier nicht hingehörte, verriet dem geübten Auge mein Abendkleid, das ich für lausige 200€ bei C&A erstanden hatte, sowie meine goldene Halskette. In Kreisen wie diesen trug man keine Ketten, sondern Colliers, und mein Kleid hätte zumindest zwei Nullen mehr vor dem Komma haben müssen, um angemessen zu sein.
Dennoch wurde ich fürstlich bewirtet. Ich bekam alles, was ich verlangte, und ich verlangte auch so gut wie alles, was die Karte bot, denn ich hatte nicht vor, zu zahlen.
Den Nachtisch, ein überwältigendes Vanille-Soufflee, hatte ich mit Mühe und Not verputzt. Mein Bauch war aufgedunsen und unansehnlich und ich versteckte ihn so gut es ging unter der schneeweißen Tischdecke. Die Kellnerin schwebte lautlos herbei und beugte sich über meine Schulter, um das Geschirr abzuräumen. Sie kam mir dabei ungewöhnlich nahe und streifte meinen Mantel, den ich in weiser Voraussicht nicht an der Garderobe gelassen hatte.
„Haben Sie noch einen Wunsch?“
„Vielleicht noch einen Espresso.“ Ich widerstand nur mühevoll der Versuchung, mich zu strecken. Eine wohlige
Gemütlichkeit hüllte mich ein und ich drohte zu gähnen.
„Ein Espresso.“ Die Kellnerin sah mich einen winzigen Augenblick mit seltsamer Miene an. Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, wusste aber nicht, was. Dann zwinkerte sie mir plötzlich zu, bevor sie mit dem klirrenden Teller davon rauschte.
Ich sah ihr irritiert nach, besann mich dann aber auf das, was vor mir lag, nahm meinen Mantel und schritt, so beherrscht ich konnte, in Richtung der Toiletten. Meine Knie waren vor Aufregung ganz weich.
Ich öffnete die Tür und staunte. Die Waschbecken waren in Marmor gefasst, die Wasserhähne vergoldet, die Spiegel makellos wie Kristall. Mich jedoch interessierte das Fenster. Es befand sich knapp unter der Decke und war verboten klein. Zwar war ich schlank, aber ob meines vollen Bauches kamen mir Bedenken, ob ich hindurch passen würde. Doch es gab kein Zurück, denn ich hatte Essen im Wert von 1000€ verputzt.
Ich schob den Mülleimer vor das Fenster und kletterte hinauf. Als ich es öffnete, schlug mir kühle Nachtluft entgegen, vermischt mit dem Gestank von tagealtem Müll. Ich trödelte nicht lange und stieß mich ab, sodass ich auf die Ellenbogen gestützt im Fenster hing. Mitsamt meinem Mantel zwängte ich mich durch die schmale Öffnung und purzelte kopfüber auf den Asphalt, fing mich mit den Händen ab und zog mir leichte Schrammen zu. Ich vergewisserte mich, dass niemand meine Flucht beobachtet hatte, klopfte die Kiesel von meinen Händen und stahl mich aus der modrigen Gasse.
Zwei Blocks lief ich weiter, bevor ich ein Taxi rief. Meine
Nerven lagen blank und ich erschrak bei jedem Geräusch. Jedoch blieb ich unbehelligt, bis ich im Taxi saß, und genoss bereits die Erleichterung, als ich merkte, dass mein Geldbeutel fehlte. Ich geriet in Panik, traute mich aber nicht, die Polizei zu rufen, denn ich war schließlich selbst eine Kriminelle geworden. Drei Tage lang malte ich mir die schrecklichsten Szenarien aus. Dann erhielt ich eine saftige Rechnung vom Restaurant, mitsamt meinem Geldbeutel. Unterschrieben war sie mit „Bis zum nächsten Mal, Cynthia“. Obendrein Cynthia hatte ein dickes Trinkgeld berechnet. Ziemlich dreist, wenn man bedenkt, dass sie meinen Geldbeutel gestohlen hatte!



