Der Anruf

von Gabriele Laage


Erika holte  ein Glas mit  frisch gepressten Orangensaft aus der Küche und platzierte  es neben dem Adventsgesteck, dann überflog sie mit geübtem Blick den Frühstückstisch. Es war wie immer halb neun, als sie ihren Mann im Rollstuhl an den Esstisch schob.

Seit seinem Schlaganfall kurz nach der Pensionierung war ihr Mann Erwin linksseitig in der Bewegung stark eingeschränkt und das Sprechen fiel ihm schwer. Sie hatte für ihn den Aufenthalt in einer Rehaklinik erwirkt, eine polnische Hilfskraft für die tägliche Pflege besorgt und die wöchentliche Fahrt zur Krankengymnastik organisiert. Das war  über ein Jahr her, eine Zeit, an die sie sich nicht gern erinnerte.

Erika schob Erwin den Teller mit  mundgerechten Häppchen zu. „Dein Arm ist viel beweglicher geworden, seit  du regelmäßig deine Übungen machst. Frederick wird sich wundern, wenn er Weihnachten  kommt.“ Als er den Namen seines Sohnes hörte, lächelte Erwin. Erika sah den  Speichelfaden, der zäh wie Klebstoff aus seinem linken Mundwinkel tropfte und tupfte ihn mit ihrer Serviette weg.  Ihre Hände umschlossen fester den wärmenden Kaffeebecher.

„Bald wird Frederick anrufen“, lächelte sie in sich hinein. „ Er könnte mir zu Weihnachten einen Schal aus chinesischer Seide mitbringen.“ Ihr Sohn arbeitete seit einigen Monaten für eine Computerfirma in Hongkong und rief jeden Dienstag an, wenn Erwin zur Gymnastik war, darauf freute sie sich die ganze Woche.

Irgendetwas stimmte nicht, das merkte Erika sofort. Sie zwang sich,  ruhig zuzuhören. „Du glaubst ja nicht, was hier los ist. Wir sind total in Verzug“, klang Fredericks Stimme fremd und  gehetzt. „Ich verstehe, dass es nicht einfach ist mit der chinesischen Mentalität“, hörte sie sich sagen. „Weihnachten kannst du zu Hause mal richtig ausschlafen und entspannen“, versuchte sie ihn aufzumuntern. „Ich kann unmöglich Weihnachten kommen. Hier geht es drunter und drüber“, hallte seine empörte Stimme zurück. Erika wollte etwas antworten, aber es gelang ihr nicht. Ein dumpfer Druck im Magen stieg  unerwartet auf und hinterließ einen bitteren Geschmack auf ihrer Zunge. 

„Hörst du?“ fragte ihr Sohn in die Stille. Dann unvermittelt ein: „Du musst es Papa schonend beibringen.“ Die Worte tropften so langsam in Erikas Bewusstsein wie das Kerzenwachs auf den Adventskranz.

Mit dem abgeschalteten Mobiltelefon in der Hand stand Erika im Kerzendämmerlicht des Wohnzimmers.„Du musst es Papa schonend beibringen“, dieser einzige Satz hämmerte in ihrem Kopf, traf sie Schlag auf Schlag wie ein Schmiedehammer das zu bearbeitende  Eisen. Erika starrte auf das Fenster. Ein Hagelschauer ging nieder. Beim Anblick der Eiskügelchen, die auf das Balkongeländer prasselten, wurde ihr übel. Schwefelgelbe Luft quoll durch das geöffnete Kippfenster, löschte die Adventskerze und nahm ihr den Atem. Sie musste sich am Tisch festhalten, weil der Schwindel ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Der Globus neben der Bücherwand drehte sich. Erwin und Frederick standen über die Weltkugel gebeugt, die Köpfe dicht beieinander. Sie fuhren über Meere und Kontinente in eine Welt, die sie nicht kannte. Der gelbe Nebel umhüllte  langsam Vater und Sohn, so dass sie von beiden nur noch die Umrisse erkennen konnte.  Mit einer festen Drehbewegung schloss Erika das Fenster. „Ich werde es tun“, sagte sie zu sich selbst.

Sie fand Fredericks Handynummer, die sie nie benutzt hatte, in ihrem Notizbuch und wählte. Er meldete sich sofort, seine Stimme klang überrascht. Erika atmete tief ein: „Ich erwarte, dass du Weihnachten kommst. Papa geht es nicht gut seit seinem Schlaganfall. Das weißt du ganz genau“, sie atmete aus und drückte weg,  ohne eine Antwort abzuwarten.

Beim Abendessen läutete es. Erika übergab ihrem Mann das Mobilfon. „Es ist Frederick.“ Sie deckte den Tisch ab und  bepackte das Tablett mit gebrauchtem Geschirr. Es war so schwer, dass sie es nur mit Mühe gerade halten konnte. Als sie zurück kam, sah sie ein zufriedenes Lächeln  auf Erwins Gesicht.

„Ich möchte einen Computer zu Weihnachten haben, so einen kleinen, tragbaren“,  sagte Erika zu ihrem Mann, ehe sie zurück in die Küche ging, um die Spülmaschine einzuräumen.

 

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