Du bist meine Liebe, du bist meine Sonne, du bist mein ganzer Schatz

von Marcel Wachholz


„Ich komme gleich, ich muss mir nur noch eine Jacke anziehen“, sagte Frau Rudko, nachdem sie endlich ihre Wohnungstür geöffnet hatte.

Karsten sah ihr nach, wie sie mit ihrem Rollator den düsteren Korridor entlang humpelte, und als sie um eine Biegung verschwand, schaute er sich gelangweilt im Hausflur um. Die Wände waren mit Kritzeleien beschmiert und auf dem Fußboden lagen Werbezettel verstreut. In einer Nische stand ein zerrissener Polstersessel auf einem Kühlschrank. Plötzlich erbrauste das Lachen und Geklatsche einer Fernseh-Comedyshow aus der Wohnung und Zigarettenrauch vermischte sich mit der Ausdünstung der vergilbten Flurtapete. Zwischen den Pointen hörte er leise Frau Rudko sprechen, die gelegentlich durch das laut-lallende Schimpfen eines Mannes unterbrochen wurde, und als nach einiger Zeit das Publikum der Unterhaltungssendung abermals den Atem anhielt, um wahrscheinlich gleich wieder vor Lachen loszuprusten, klickte eine Tür zaghaft in ihr Schloss und es blieb ruhig. Die junge Frau kam zurück mit ihrem Rollator und ohne Jacke. „Wir können fahren“, sagte sie mit zittriger Stimme.

Als Karsten seinen Fahrgast in dem Behindertenbus anschnallte, fragte sie ihn, ob er nicht über die Rosenstraße fahren könnte, denn ihre Tochter sei weggelaufen und sie würde bestimmt dort bei einer Freundin sein.

„Ich habe gleich eine Anschlussfahrt und keine Zeit, nach Kindern zu suchen“, sagte er energisch, aber nicht unfreundlich. „Soll doch der Mann sich um das Kind kümmern, das Sozialamt bezahlt mir nur die einfache Fahrt - bei denen gibt’s keine Extras“, dachte Karsten. Als er aber losfuhr, sah er im Innenspiegel, wie die Mutter apathisch aus dem Fenster schaute, und als er dabei an seine Tochter dachte, konnte er schleichend ihre Verzweiflung in seinem Innern spüren. „Über die Rosenstraße zu fahren, ist kein Umweg - es darf aber nicht lange dauern“, sagte er beim Wenden versöhnlich über die Schulter.

Bei der Freundin meldete sich niemand an der Wechselsprechanlage und Karsten wollte schon wieder gehen, als eine Frau mit einem Mädchen an der Hand aus dem Hauseingang kam. „Hier haben Sie die Kleine und sagen Sie der Mutter, dass Kinder in die Schule gehen müssen“, sagte sie bestimmend.

„Wollen wir in eine italienische Eisbar gehen, wenn Mami beim Arzt war?“, fragte Frau Rudko aufgeregt ihre Tochter, und als Karsten den Sicherheitsgurt um das Kind legte und dabei zu der Mutter blickte, kam es ihm vor, als wenn die Sonne des Mittelmeeres in ihrem Gesicht erstrahlte. Er sollte ihr noch etwas ausrichten, überlegte er, aber ihm drängten sich Gedanken von einem Rekruten auf, den er vor Jahren während seines Wehrdienstes kennen gelernt hatte. Er war ein Einzelkind und verlor seinen Vater schon im ersten Lebensjahr durch einen Autounfall. An seinem Einberufungstag mussten sich die neuen Soldaten vor dem Haupttor der Kaserne versammeln und als sie in Formation auf das Armeegelände geführt werden sollten, fing seine Mutter an zu weinen und zu schreien und sie klammerte sich an ihren Sohn, bis ein Unteroffizier sie unsanft von ihm trennte. Wegen dieser Sache wurde der Rekrut später pausenlos von seinen Kameraden veralbert und schikaniert. Er war noch ein sensibler, verschüchterter Traumtänzer, der sich nicht wehren konnte, und nach vier Monaten Tortur erhängte er sich im Waschraum seiner Einheit.

Karsten schaute nach dem Anschnallen sinnend zu dem Mädchen. Sie hauchte gegen die Seitenscheibe und malte mit ihrem Zeigefinger Striche und Kreuze auf dem kondensierten Atem. Frau Rudko legte den Arm um ihre Tochter und drückte sie an sich. „Sie haben mir einen großen Gefallen getan, meine Kleine ist alles, was ich habe“, sagte sie zu ihrem Fahrer.

„Schon gut“, brummte er und ärgerte sich, weil er nicht sagte, was er sagen sollte, weil er nicht wusste, wie er es hätte anstellen können, der Mutter die Geschichte von dem Rekruten zu erzählen.

 

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter